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Künstlerhäuser

Wo Künstler gelebt und gearbeitet, gewirkt und gewirtschaft haben, wird später gern einmal ein Museum daraus. Wenn man Glück hat, überlebt hier dann so etwas wie der Genius Loci. Gerade hat man in Hemmenhofen am Bodensee das Haus zum Gedächtnisort wiederbelebt, in dem Otto Dix von 1936 bis zu seinem Tod im Jahr 1969 daheim war. Das war ein wenig nach der großen Phase seines Schaffens, und leider hält die Liegenschaft das spätere Niveau ihres Bewohners. Der Garten ist bisher wüstes Terrain, das Gebäude selbst nichts anderes als langweilig, und im Keller, wo der Meister in Fastnachtslaune ein paar drollige Wandbilder hinterließ, restauriert man noch auf Monate hinaus. Man muss also nicht hin. Entschädigen wir die Leserschaft mit einem Ranking. Im folgenden meine liebsten Künstlerhäuser. 1. Walter Pichler In St. Martin an der Raab im Burgenland. Hier arbeitete Pichler bis zu seinem Lebensende im vorigen Jahr an der idealen Skulptur und an der idealen Behausung für sie, am idealen Material, am idealen Lichteinfall, an den idealen Abständen und vor allem an der idealen Form. Was bleibt, ist die ideale Situation, um Künstlertum in seinen Obsessionen und Oberservanzen, in seiner Unermüdlichkeit und auch Unerbittlichkeit kennenzulernen. 2. Andrea Mantegna Die Casa Mantegna in Mantua ist die repräsentative Architektur des ersten Hofkünstlers der Geschichte. Mantegna, Maler der Familie Gonzaga, zeigt, was er als Planer drauf hat: Dem Würfel des Gebäudes ist ein kreisrunder Innenhof einbeschrieben, und so ergibt sich die Grundrissfigur eines Kreises im Quadrat. Steht man im Hof und blickt nach oben, dann die Inversion: Weil die innere Mauer niedriger ist als die äußere, sieht man nun ein Quadrat in einem Kreis. Beides zusammen ergibt die vitruvianische Figur, wie man sie vor allem von Leonardo kennt. Mantegna hat sie ihm vorgemacht; er hat sie ihm vorgebaut. 3. Johann Wolfgang Goethe Und zwar sein Gartenhäuschen im Ilm-Park in Weimar. Der Dichter war ja auch Künstler, und entsprechend steht im Garten ein bildnerischer Entwurf von ihm, der „Stein des guten Glücks“: ein Würfel, darauf eine Kugel, sonst nichts – die erste Skulptur der Moderne. 4. Christian Ludwig Attersee Der erfreut sich gottseidank bester Gesundheit, und sein Haus am Semmering ist entsprechend nicht zugänglich. Man kann aber in seiner Biografie etliche Bilder von dem berückenden Ensemble sehen, das der Künstler in einem Vierteljahrhundert zusammengestellt hat. Diese Biografie wiederum habe ich zusammen mit Daniela Gregori verfasst, womit darauf auch einmal hingewiesen wäre. 5. Die Münchner Künstlerfürsten Die Herren Franz von Lenbach, Franz von Stuck, Adolf von Hildebrand und Friedrich August von Kaulbach haben jeder für sich und jeweils gegen den anderen Villen erstellen lassen, bei denen in puncto Prunk und Protz kein Auge trocken bleibt: Fin de Siècle eben, jene Zeit, in der der Genius Loci noch ganz beim Genie war. 6. Eugène Delacroix Gelegen in der wunderbar beschaulichen Rue de Furstenberg im sechsten Pariser Arrondissment, gleich hinter dem Flore und dem Deux Magots. Eine Oase, wie man so sagt, und ihr Bewohner war ja auch von spezieller Exotik. 7. John Soane Am Lincoln's Inn im Londoner Innenstadtteil Holborn. Ein Sammelsurium an allem, was nicht niet- und nagelfest war, ein Viktorianischer Horror Vacui, bevor er die Welt zu beherrschen begann, und, wie es sich gehört fürs britische „My Home Is My Castle“ mit verschrobenem Hausherrn: quite spooky. 8. Peter Paul Rubens Der Meister ist geadelt worden, und genauso sieht sein Domizil in Antwerpen auch aus. Rubens besaß zum Stadtschloss dann noch ein Landschloss: Steen bei Mecheln. 9. Frederick Leighton Leighton House im Londoner Stadtteil Kensington zeigt, wie es weiterging mit der britischen Wohnkultur. Immer noch Horror Vacui, aber durchsetzt mit Stilbewusstsein: Historismus, Exotismus, Intimismus, Erotismus. 10. Claude Monet Vielleicht nicht der beste Maler der Kunstgeschichte, aber derjenige mit dem schönsten Garten: natürlich in Giverny, gut 60 km nordwestlich von Paris.

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