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Nerd-Perspektive

Die Konjunkturen von Denkern im aktuellen Diskurs lassen ja immer tief blicken. Gerade entdecken sie zum Beispiel Franco Moretti, der auch noch der Bruder des Filmregisseurs Nanni Moretti ist. Darüber hinaus unterrichtet er Literatur in den USA, er hat 1983 eine Essaysammlung mit dem Titel „Signs Taken For Wonders“ publiziert, deren Überschrift Homi Bhabha 1985 für einen eigenen Aufsatz brauchen konnte. Als in diesem Frühjahr das Wiener MAK seine Ausstellung zu aktueller Kunst in Istanbul veranstaltete, griff es auf die Wortschöpfung zurück und nannte das Unternehmen „Signs Taken In Wonder“. Vergangenen Mittwoch nun hatte Moretti in der Süddeutschen Zeitung einen dreiviertel Seiten langen Auftritt. Er wurde porträtiert als derjenige, der dem „Close Reading“ der Schule Jacques Derridas sein „Distant Reading“ entgegensetzt. Dieser Methodenschwenk hat damit zu tun, dass Moretti Texte durch das Suchprogramm jagt und feststellt, welche Wörter wie oft vertreten sind. Soeben ist auf deutsch ein Buch des Pariser Literaturprofessors und Psychoanalytikers Pierre Bayard erschienen. Er hat vor sechs Jahren eine Art Bestseller herausgebracht: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.“ Nun setzt er nach mit einem durchaus vorhersehbaren „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“, und doch ist es anders. Er singt das selbe Lob der Distanz wie Moretti, und er vollzieht einen parallelen Methodenschwenk: Statt der „teilnehmenden Beobachtung“, wie sie die Soziologie und die Anthropologie letztlich von Beginn an propagierten, fordert Bayard nun seinerseits die Perspektive aus der Entfernung: die „distanzierte Beobachtung“. Marco Polo, der womöglich nie in China war; Blaise Cendrars, der die Transsibirische Eisenbahn zu benutzen vorgab, als sie noch nicht fertig war; Chateaubriand, der nur bis New York kam und nicht in den mittleren Westen, von dessen Weite er in romantischem Überschwang berichtet: das sind einige von Bayards Kronzeugen. Der Patron des Unternehmens ist natürlich Karl May. Einschlägig vertreten auch Rosie Ruiz: Sie ist 1980 als Gewinnerin des Boston Marathon disqualifiziert worden, weil sie im Verdacht stand, einen Teil der Strecke per U-Bahn bewerkstelligt zu haben. Was Bayard zu der schönen Überlegung verleitet, ob der damalige Überbringer der Siegesbotschaft seinen Weg nach Athen nicht auch im Zug bewältigt hätte, wäre ein Fahrzeug denn zur Verfügung gestanden; der Geist von Marathon jedenfalls sei von Rosie nicht malträtiert worden. Bayards Ausführungen kreisen um eine leere Mitte. Die heißt Google Earth samt dessen Ableger Street View, und vor lauter Lektüre von Berichten über delegiertes Verweilen übersieht Bayard die Stellvertreterschaft, die sein eigenes – mutmaßliches – Schreibwerkzeug verkörpert. Womöglich ist ihm der Computer einfach so selbstverständlich, dass er ihn und dessen Möglichkeiten schlicht übersieht. Denn das ist vor allem das Gemeinsame an Morettis und Bayards Praxis der Distanzierung: Sie leben im Zeitalter der Digitalität. Was sie propagieren, ist die Perspektive der Nerds. Kein Wunder also, dass sie gerade Konjunktur haben.

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