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Indifferenz

Als eines der ganz wenigen Presseorgane deutscher Sprache erfreut sich die „Zeit“ einer steigenden Auflage. Die Leserschaft verfügt scheinbar zunehmend über die zur wöchentlichen Lektüre sehr zu empfehlenden Tapeziertische, und das Blatt zahlt es ja auch mit Qualität zurück. Die Meinungsführerschaft gibt sich entsprechend forsch. Damit sind wir auch schon beim Feuilleton und dem in diesem Ressort für die bildende Kunst zuständigen Redakteur Hanno Rauterberg. Vor kurzem hat er unter der Überschrift „Holzköppe für alle“ sein Mütchen an Stephan Balkenhol gekühlt. Tatsächlich stellt Balkenhol seine Figuren sehr zahlreich in die Innenstädte und ihre Platzanlagen, und jetzt hat er in Leipzig auch noch ein Denkmal für Richard Wagner hinzugefügt. Warum, so brennt es dem Redakteur unter den Nägeln, ist Balkenhol „der Deutschen beliebtester Bildhauer“? Müßig anzumerken, dass dem nicht so wäre, ginge es nach Rauterberg. Mächtig brandet das Dementi heran. Balkenhols Menschenstücke seien „Artefakte der Vergleichgültigung“. Beispielhaft scheint dem Kritiker dafür dessen „Denkmal zum Mauerfall“. So bricht es heraus: „Keine Erinnerung an die bittere Sorge, an den Mut, an die überschwängliche Freude, an die Spannung das Jahres 1989.“ Und dann hebt der Schlusssatz an: „Wir bleiben, wer wir waren – das ist die reaktionäre Botschaft dieser botschaftslosen Kunst, auf niedliche Weise perfide.“ Rauterberg ist offenbar ein Vertreter des momentan so aktuellen Jargons der Verwegenheit: Er hätte es gern sorgenvoller, mutiger, überschwänglicher; emphatischer, gefühlvoller, beteiligter. Es ist der Imperativ der Expressivität: Mit seinen bildnerischen Mitteln solle der Künstler, meint der Kritiker, buchstäblich Ausdruck verleihen. Detail des Wagner-Denkmals von Stephan Balkenhol Einst verband sich mit dem Intellektuellen das Prinzip Engagement. Voltaire war dessen Prototyp, sein exemplarischer Vertreter war Emile Zola. Der war auch Kritiker, und womöglich reklamiert Rauterberg hier für sich eine Traditionslinie. Zola war aber ein miserabler Kritiker, nachzulesen etwa in seinem Eintreten für Manet, er war brachial, ein terribler Simplifikateur, und er schrieb eine lausige Sprache. Ihm vis-à-vis standen, in der Überzeugung weitaus größerer Eleganz, Haltungen, die Charles Baudelaire „Indifférence“ und Gustave Flaubert „Désinvolture“ nannten. Rauterberg hat dafür nur das unnachahmlich hässliche Wort „Vergleichgültigung“. Das spricht natürlich Bände. Tatsächlich hat Balkenhol von jeher mit Spannungsreduktion gearbeitet. Seine Figuren sind einfach da, hölzern im Wortsinn, phänomenal im Wortsinn. Ihre Zeitgenossenschaft besteht in der Behauptung der bloßen Präsenz, ihre Raison d'Etre ist das Konstatieren, und ihr Ausdruck sucht nichts als ein Sic, ganz ohne Ausrufezeichen. Eine Ästhetik der Indifferenz. Rauterberg hält das für reaktionär. Offenbar hätte er gern mehr Ausnahmezustand. Das halte ich für reaktionär.

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