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Oral

Momentan läuft ein bemerkenswerter Werbe-Spot im Fernsehen, und wie immer bei derlei Attraktionen kann ich mir das beworbene Produkt nicht merken. Es muss um irgendeinen PKW gehen, denn es wird ein Cabrio gezeigt, hinter dessen Steuer eine Lady durch die Stadt, wie nannte man das einst: cruised. Ein Beau kommt vorbei, die Dame reckt das Hälschen, offenbar angelockt von soviel Schönheit, und rammt einen Lastwagen. Wahrscheinlich ist die Szenerie emanzipatorisch gemeint, endlich mal eine Frau, die hinter dem Mann herschielt, doch letztlich wird nichts als ein Klischee bestätigt: Frauen können nicht fahren. Der Spot ist ein Exempel an praktizierter Dialektik der Aufklärung. In diesem Sinn hat auch Michael Douglas für Furore gesorgt. Sein Krebs irgendwo in Mund oder Rachen, so gab er zu Protokoll und wurde damit gleich in den massenmedialen Hype befördert, könnte etwas damit zu tun haben, dass er es besonders beglückend meinte mit den Partnerinnen seiner Wahl. Bisher kannte man das Verfahren seinerseits anders herum. Linda Lovelace etwa, die Protagonistin von „Deep Throat“, hat ihre Post-Porno-Karriere darauf gebaut, gegen die Zwänge anzugehen, die mit der einschlägigen Praxis verbunden sind. Ihre Arbeit an den notorischen Orten machte sie zur Kämpferin. Michael Douglas dagegen wurde an gleicher Stelle zum Opfer. Er ruinierte sich seine Gesundheit im Dienst an der Dame. Bruce Nauman, Sex and Death or Double "69", 1985 Kenneth Tynan, der einflussreichste Theaterkritiker der Swinging Sixties, war ein spezieller Kämpfer für die Abschaffung der Zensur, die es damals in Großbritannien noch gab. Auf seine Weise hatte er Vorarbeit geleistet mit einem Auftritt im November 1965 in der Spätabendshow „BBC3“ des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Tynan gelang es dabei, das Four-Letter-Word schlechthin unterzubringen, zum ersten Mal überhaupt in der ehrwürdigen Institution, er hatte es offensichtlich darauf angelegt, und so schien die Dekadenz grenzenlos. Tynan stieß also, die Berechtigung von Geschlechtsverkehr vor den Kulissen diskutierend, das Wort „Fuck“ hervor, und es war weniger die Semantik des Ausdrucks als seine Provenienz, die so aufregend war. „Fuck“ war Slang, Unterschichtenjargon, und den Laut in den Äther zu befördern, bedeutete nicht weniger als Überschreitung, die Transgression von Klassenschranken, die die Identitäten in der Fasson hielten. Im Jahr 1969 wird Tynan in New York den Impresario für einen bunten Abend namens „Oh! Calcutta!“ geben, der Titel ist abgeleitet vom französischen Ausruf „oh, quel cul tu as!“, eine Revue im Tunnelblick auf den Unterleib, an deren Szenenfolge sich unter anderem Samuel Beckett und John Lennon beteiligten. Besonderes Augenmerk gilt dabei auch jenen Aktionen, auf die sich jetzt Mister Douglas als abonniert bezeichnet. Damals wurden sie sozusagen geschlechtsreif. In Bernardo Bertoluccis „1900“ gibt es eine Passage, in der Robert De Niro Dominique Sanda Kopf voraus unter den Rock rutscht. Wie es weitergeht, wird nicht direkt gezeigt, der Film stand ohnedies heftig unter Pornografieverdacht. Insinuiert wird indessen genug. Hoffentlich ist wenigstens De Niro dabei nichts passiert.

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