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Erdbeerfelder

In der British Library, wo die Insulaner ihr nationales Schriftgut verwalten, hat es einen Zuwachs gegeben. Die Schausammlung gleich links nach der Treppe zeigt ja neben Shakespeare und Lewis Carroll, der Magna Charta und vielerlei illuminierten Handschriften auch einige Manuskripte der Beatles. Hier nun ist der Neuankömmling zu vermelden. Hunter Davies, der Beatles-Biograf, hat sich von seinen Erinnerungsstücken an die Fab Four getrennt. Unter anderem kann man jetzt den Text zu „Strawberry Fields Forever“ studieren. Das Lied ist das herausragende Ergebnis der Freiheit, die die Beatles durch ihren Entschluss, keine Konzerte mehr zu geben, gewannen. Sage und schreibe 55 Stunden nahmen sie sich Studiozeit für die vier Minuten und drei Sekunden des Liedes. Es stammte von John Lennon, es war introspektiv und retrospektiv und brachte den Stimmungswandel, wie er sich Ende 1966 ergab, auf den Punkt. Swinging London verlor sich im Idiosynkratischen und Versponnenen, in Esoterik und Selbstbespiegelung. Die Beatles sind das bedeutendste Phänomen des Pop, und was sie sich leisteten, wurde schnell zum Mainstream. „Strawberry Fields Forever“ hat die Perspektive justiert für die rasch in Mode kommende Nabelschau. Manuskript des Songtextes zu "Strawberry Fields Forever" Das Lied sollte Lennons Jugend in Liverpool wieder aufleben lassen, Grübelei aus dem Geiste Hamlets begleitet die Suche nach der verlorenen Zeit. Besonders eine Zeile sticht heraus, und sie lässt bei aller Eindeutigkeit der Komplexität verschiedene Les- oder besser Hörarten zu. Die einen sagen, die Zeile ginge so: „I think I know I mean a yes but it's all wrong, that is I think I disagree“. Für die anderen, zu denen ich bisher gehörte, funktioniert sie folgendermaßen: I think – er – no, I mean – er - yes, but it's all wrong...“, wobei das englische „er“ einen Laut des Innehaltens und Überlegens meint, für die im Deutschen etwa „Ähm“ stünde. Jetzt ist in der British Library die Passage im Wortlaut zu finden, und zwar so: „I think I know I mean – er – yes, but it's all wrong...“ und damit liefert sie exakt eine Zwischenform. Eine Gegenüberstellung von No und Yes ist offenbar nicht beabsichtigt, aber natürlich soll sich das Zaudernde, Unentschlossene, in sich Verstrickte des Textes auch lautmalerisch ergeben. Jetzt wissen wir das also auch. Ich für meinen Teil freue mich darüber. „Strawberry Fields Forever“, das zusammen mit McCartneys nicht weniger nostalgischem aber deutlich weltoffenerem „Penny Lane“ im Februar 1967 als Single erschien und sicherlich einen Höhepunkt an Schallplatte überhaupt setzt, brachte es in England nur auf Platz 2. Von ihrem Erstling „Love Me Do“ abgesehen, hatten die Beatles stets die Topposition erreicht, doch jetzt schafften sie es nicht, „Release Me“ von Engelbert zu überholen. Die Zeit, da die Charts eine Art Konsens der Generationen widerspiegelten, war vorbei, Singles kamen insgesamt aus der Mode und wurden als Medium den Schmonzetten überlassen, wie man sie in den Jahren, bevor die Beatles alles aus dem Weg geräumt hatten, kannte. Die avancierte Musik wurde fortan auf Langspielplatten gespielt, die Beatles selbst werden es im Juni 1967 vormachen, wenn sie Sgt. Pepper herausbringen. „Strawberry Fields Forever/Penny Lane“ ist vielleicht das letzte Beispiel, dass man auf einer Single alles, aber auch wirklich alles vorführt, was man kann. Gerade auch an Unschlüssigkeit.

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