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Kristian Sotriffer 1932 - 2002

Die letzte Begegnung hatten wir im Frühjahr. In der Kunsthalle Krems war Flatz zu sehen, und Kristian Sotriffer kam, wie es seine Art war, einfach vorbei, ganz so als gehörte er nicht dazu, nahm nichts von den üblichen Pressekonferenz-Zuckerln, deretwegen allein nicht wenige von den \"Kollegen\" zu kommen pflegen, schlich durch die Schau und war so umgehend wieder verschwunden wie er flüchtig da war. Zwei Tage später gab es einen Text von ihm, und er war nicht weniger als eine Hymne. Ganz offenbar hatte sich Kristian Sotriffer affizieren lassen von diesen Arbeiten, die allem Anschein nach so gar nicht zu seiner Generation, seiner Geschichte und den Vorlieben, die man ihm anzulesen glaubte, passten. Der Kritiker wurde elegisch und elogisch, und sein Lob kam sichtlich von Herzen. Man stelle sich das umgekehrt vor und jemanden zum Beispiel von \"profil\" in einer der Ausstellungen, wie Sotriffer sie sporadisch mitverantwortete. Natürlich hatte sich Kristian Sotriffers Haltung zur Gegenwartsproduktion irgendwann arretiert. Wahrscheinlich bleibt man sowieso sein Rezensentenleben lang jenen Trends und Theorien verhaftet, die im Schwange waren, als man zu denken anfing. Bei Sotriffer betrifft das die späteren Fünfziger, und lässt man den Existentialismus, der seinerzeit en vogue war, Revue passieren, darf man erstaunt sein, mit welcher Nonchalance und Selbstironie der Kritiker das Sein und den Schein und das Nichts und was sonst noch damals sein Wesen trieb, verkörperte. Zudem hatte Sotriffer einfach gute Manieren. Mit seiner Zurückhaltung, seinem leisen Lächeln und seinem unprätentiösen Beharren auf Distanz war er einer der wenigen Vielschreiber, von denen man sagen darf, dass sie einem nicht auf die Nerven gingen. Der \"Standard\" stellte in seiner Freitags-Ausgabe einen Fünfzehnzeiler ins Blatt, einen Info-Mix aus der APA, als ginge das, der Verstorbene arbeitete schließlich für die \"Presse\", als Nachruf durch. Eine solche gelinde Schäbigkeit wäre Sotriffer niemals unterlaufen. Er hatte gute Manieren. Es war immer wieder eine Herausforderung, der Selbstverständlichkeit, mit der er das Kollegiale über das Konkurrenzverhältnis und die Kriterienbildung über die Kontroversen stellte, standzuhalten. Seinesgleichen nennt man Doyen, und das Wissen, dass er das war, machte es ihm in seiner professionellen Großzügigkeit schlechterdings leichter. Wie es um den kollegialen Umgang bestellt sein wird, wenn Sotriffers Generation, und das schließt Publizisten wie Erwin Melchart, Paul Kruntorad oder Angelica Bäumer ein, kein Korrektiv mehr abgibt, kann man sich unschwer vorstellen. Natürlich verkörpern sie ein konservatives Element. Aber das bedeutet auch so etwas wie Zivilisiertheit. Das letzte Telefonat hatten wir im Sommer. Nochmals so eine Rezension wie jene über Flatz, wäre schön gewesen, doch der Altmeister musste absagen. Es ginge in die Klinik, irgendetwas mit den Augen. Vor Ort aber erkannte man weit Schlimmers. Es war Krebs. Gerade ein halbes Jahr nach der Diagnose ist Kristian Sotriffer in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag verstorben.

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