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Albert Oehlen - Malerei : Im Universum des radikalen Zynismus

Wenn Albert Oehlen der Museumsdirektorin die Eröffnungsrede seiner Ausstellung wegnimmt und nach der Begrüßung „aller Kunstliebhaber, Malereihasser und sonst hier zufällig Gestrandeten“ und der brav abgelesenen Dankesaufzählung die Ausstellung für eröffnet erklärt, dann ist das nichts anderes als eine Konsequenz seiner anarchistischen Haltung –genauso wie sie von ihm auch erwartet wird. Grenzen, Normen und Formen sind für ihn da, um missachtet zu werden. Sagt er und praktiziert er und das mittlerweile mit großem Erfolg. Seine Mittel und Wege sind da gar nicht subtil. Dem deutschen Publikum präsentierte er 1985 das Porträt, das es (nach Ansicht A. Oehlen) verdiente: „Auch Einer“, ein röhrender Hirsch, kraftvoll in Öl und Lack auf 220 x 168 cm, dessen Büste in ein weißes Hemd und blaues Sakko gesteckt und mit den klaren blauen Augen, die der deutschen Seele entsprechen sollen. Auch wenn er irgendwie gequält wirkt, die Präsenz des röhrenden, heißt geilen, Hirsches, ist unübersehbar, ist penetrant – ein mögliches österreichisches Pendent ist leider nicht ausgestellt, ist aber dem Begriff des „Deutschen“ nicht apodiktisch auszuschließen. Apodiktisch ist da gar nichts bei Oehlen. Außer vielleicht genau diese Strategie zum Paradigma zu erheben, was sich in sehr angestrengter Kunst äußern kann. Aber das Gros der Werkauswahl in der breit angelegten mumok–Schau wirkt nicht mühevoll oder ehrgeizig ereifert, wenngleich durchaus durchdacht und einem kunsttheoretischen und politischem Diskurs, meist mit Zynik, immer mit Konsequenz und in jeder Hinsicht radikal verpflichtet. In den 80er Jahren schlammt Oehlen die klassischen Genres und abgegriffenen Klischees der „guten“ Malerei zu. Spiegel werden im sumpfigen Braun versenkt, eigentlich ziemlich willkürlich aufgeklebt; ein Till Eulenspiegel–Streich, den er da betreibt, aber ziemlich gut und ziemlich süffisant. Der Versuch die Aura von Duchamps Fahrrad–Rad mit „schlechter“ Malerei zu brechen, ist eigentlich gescheitert. Und war im Grunde auch unnotwendig. Gelungener, thematisch wie ästhetisch spannungsreich erscheint sein Mix von Malerei und Collagen, wenn auch nicht wirklich neu erfunden. Bemerkenswert in jedem Fall ist seine ironische ambivalente Selbstinszenierung in der Installation „Ohne Titel“ von 2005. Das klassische Selbstporträt ist ins Bett gelegt, eine staffierte Hand mit Pinsel lugt aus der bieder gemusterten Bettdecke hervor und gibt dem Gemälde den letzten Schliff. Unterhose und Nachttopf sind am Boden vor dem Bett positioniert. Der große Meister hat seine damals schon international gefeierte Genialität auf eine existentielle menschliche Ebene (herunter) geholt, diese Genialität bzw. sich selbst in Bezug auf Identität und Repräsentation wie Rezeption relativiert und auf spöttische Weise musealisiert. Ob hehre Kunst, wie Minimalismus, Konzeptkunst, Expressionismus, Dada oder Popkultur, Werbe- Trash- und Computerästhetik, das eine wie das andere wird von Oehlen thematisiert und problematisiert. Stilbegrifflichkeiten werden ihrer Abgrenzungen beraubt, mit anderen Tendenzen konfrontiert oder mit sich selbst, gegen sich selbst intensiviert und überstrapaziert, sodass das Erhabene des Arrivierten in sich zusammenbricht. Was bleibt ist Malerei. Ob gut oder schlecht, scheint nicht die maßgebliche Kategorie zu sein, auch mit diesen Werten spielt der Künstler – respektlos, um nicht zu sagen gnadenlos, weniger der „hohen Kunst“, sondern dem Publikum gegenüber. Oehlen verfolgt eine Strategie, die kategorisch todgesagte Malerei durch Inversion zu aktualisieren. Die romantisierende Idee einer heldenhaften Haltung, die im Hinblick auf seine hinterlistigen Provokationen und vieldeutigen Attacken auf das Medium selbst verkürzt, wenn nicht naiv erscheint. Als paradoxer Weg gelten Oehlens Schachzüge als attraktives rätselhaftes Phänomen, sind intellektualisiert und im mumok gekonnt inszeniert. In jedem Fall hat Oehlen seit den 80er Jahren die Aufmerksamkeit erregt, die Diskussion neu entfacht und nun seinen unverrückbaren Stellenwert in der Kunstgeschichte eingenommen. Ob das einzelne Werk, diesem Kontext der „kritischen Auseinandersetzung mit dem Medium Malerei“ enthoben, bestehen kann, ist eine andere Thematik. Auffallend in diesem Zusammenhang sind die im mumok ebenfalls ausgestellten jüngst entstandenen Kohlezeichnungen. Auf imposantem Format tritt der Strich und damit das vormals von ihm verachtete Gewicht der Geste in autonomer Deutlichkeit und Größe hervor. Oehlen bemüht keinen Inhalt, enthält sich jeder Polemik und die Ästhetik ist überraschend evident.
Albert Oehlen - Malerei
08.06 - 20.10.2013

mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
1070 Wien, Museumsquartier, Museumsplatz 1
Tel: +43 1 52 500, Fax: +43 1 52 500 13 00
Email: info@mumok.at
http://www.mumok.at
Öffnungszeiten: Täglich: 10.00–18.00 Uhr, Do: 10.00–21.00 Uhr


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