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Europa - Amerika

1953 wirft Robert Rauschenberg ein Werk aufs Papier, das beispielhaft für seine Kunst ist. Was heißt, er wirft es aufs Papier: Es passiert das glatte Gegenteil, denn „Erased De Kooning“, so heißt die Arbeit und bringt es schon per Titel auf den Punkt, ist eine Zeichnung des Kollegen Willem De Kooning, auf der Rauschenberg, wider avantgardistischem Elan allerdings mit Erlaubnis des Kollegen, Hand anlegte, um sie auszuradieren. Robert Rauschenberg, Erased De Kooning, 1953, © VBK, Wien 2013 / Arnulf Rainer, Übermalung, 1965 Rauschenbergs konstruktive Arbeit an der Destruktion hat ein transatlantisches Gegenstück in Arnulf Rainer. Es sind die Tafeln, vorgefundene oder soeben angefertigte, die sich der Künstler vornimmt, um sie mit Farbe zu traktieren, Pinselgeste für Pinselgeste, bis kaum mehr etwas übriggeblieben ist vom ursprünglichen Zustand auf der Oberfläche. Bisweilen lugt ein Reststück an Vorherigkeit, als wäre es eine Trophäe, hervor. Rainer übermalt, Rauschenberg radiert aus, und in diesem Vis-à-vis der Handlungen kommt durchaus eine jeweilige kontinentale Eigenart zur Kenntlichkeit. In Europa wird ineinander geschachtelt, gebündelt, auf einen Punkt bezogen, und das künstlerische Individuum agiert sich aus, indem es verdichtet und sich mittels Farbe einverleibt, was vordem Fremdmaterial war. In Amerika hingegen wird aufgelöst und in Weite und Unendlichkeit verfrachtet, werden Spuren verwischt und Anwesenheiten diffundiert. Amerika ist New Frontier, Europa ist Binnenverkehr. Noch so ein Beispiel fürs Knäuelnde, Kläubelnde, Kon-Zentrierte, das exemplarische Beispiel vielleicht, ist Wols. Wolfgang Schulze aus Berlin, der nach Paris ging und dort zur Galionsfigur des Informel wurde, entwickelt, klug geworden und beschädigt genug von den Ismen in Politik und Ästhetik, seine ureigene Motorik: seine Feinmotorik der Miniatur. Er ist ein Monomane des Zentripetalen. Auf der anderen Seite des Großen Teichs huldigt man dem Zentrifugalen. Der Fachausdruck dafür wäre All Over. Gemeinsam indes folgen sie der Meistererzählung von der Abstraktion als Weltformel. Gemeinsam sind sie Modernisten.
Wols, Ohne Titel, 1942/43, © VBK, Wien 2013 So ist es eine wunderbare Pointe, dass die Retrospektive, die die Kunsthalle Bremen gerade Wols angedeihen lässt, in Zusammenarbeit mit einer künstlerischen Institution entstanden ist, die als einschlägig für den Modernismus wie kaum eine andere gelten darf. Nach Bremen macht die Schau Station in Houston, bei der Menil Collection - in eben der Patronage, unter der Mark Rothko seine Kapelle errichtet und ausgestattet und zugleich den Abgesang auf die große Geschichte von der Selbstkritik der Kunst mittels Leinwand angestimmt hat. Wols, der dieses Jahr hundert geworden wäre, macht in Europa die Klammer auf. Rothko, genau ein Jahrzehnt älter, macht sie zu.

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