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Der stumme Frühling

Vor genau fünfzig Jahren kam Alfred Hitchcocks „The Birds“ in die Kinos. Der Film ist, nach „North by Northwest“ und „Psycho“, der letzte in der Trilogie der Meisterwerke seiner Spätzeit, mehr noch als Suspense ist es Schock, den die Krähen, Möwen und Spatzen in die Hirne pflanzen, wenn sie völlig aus der Fasson von Verhalten und Vorkommen geraten. Niemand in Hitchocks Publikum, der seither unbefangen über eine Wiese gehen kann, wenn Vögel darauf sitzen. Da bedarf es keiner Mutanten oder Revenanten aus dem Paläolithikum, der Grusel kommt aus dem Alltäglichen. Gerade als Hitchcock an der Küste Nordkaliforniens drehte, war ein Buch erschienen, das als nicht weniger denn die Gründungsschrift der Ökologiebewegung gilt. „Es war einmal eine Stadt im Herzen Amerikas, in der alle Geschöpfe in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben schienen“, beginnt es, und es könnte Bodega Bay gemeint sein, Hitchcocks Mustersiedlung aus „The Birds“. Und eben mit diesen geht es in dem Buch weiter: „Es herrschte eine ungewöhnliche Stille. Wohin waren die Vögel verschwunden? Viele Menschen fragten es sich, sie sprachen darüber und waren beunruhigt. Die Futterstellen im Garten hinter dem Haus blieben leer. Die wenigen Vögel, die sich noch irgendwo erblicken ließen, waren dem Tode nah; sie zitterten heftig und konnten nicht mehr fliegen. Es war ein Frühling ohne Stimmen.“ Aus dieser bedrohlichen Beobachtung bezieht Rachel Carsons Schlüsselwerk auch seinen Titel: „Silent Spring“. Pestizide, DDT, Pflanzenvertilgungsmittel, die Garanten eines alljährlichen Erntebooms, zeigen auf einmal ihre Kehrseite. Der Frühling ist still und den Vögeln das Singen buchstäblich abgewürgt. Alfred Hitchcock am Set Es ist unwahrscheinlich, dass Hitchcock, der auf altbacken genialische, also obsessive Weise in den Dingen verfangen war, die er künstlerisch trieb, von Rachel Carsons Buch Kenntnis hatte. Und doch stehen Literatur und Kino sich auf fast gespenstische Weise nahe. Generell gibt es zwei Möglichkeiten, wie sich das Ästhetische auf die Gesellschaft, in der es entsteht, bezieht. Sie kann bestimmte Mechanismen kompensieren, und das zu erfassen wäre die gewissermaßen rechte Variante von kulturellem Verständnis; oder sie spiegelt die Mechanismen wieder, worin dann eher die linke Version zu greifen wäre. Einerseits, so ließe sich sagen, kompensiert Hitchcock in seinem Film, was Rachel Carson anmahnt. Vögel kommen nicht in Unterzahl, sondern im Übermaß vor, und man könnte schier glücklich sein, hielten sie sich so zurück, wie das Buch es kritisch vor Augen stellt. Andererseits aber illustriert Hitchcock das Buch. Keiner der Töne des Films ist nämlich natürlich, keiner der Vögel ist tatsächlich zu hören, und wenn sie sich noch so anhäufen bis zum Firmament. Das ornithologische Aufbegehren ist eine Art Musik, ersonnen vom Komponisten Bernard Herrmann, hergestellt auf einem elektronischen Instrument namens Trautonium. So ist es auch bei Hitchcock ein „Silent Spring“, was in jenem Frühjahr 1963 in den Kinos zu hören war.

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