Werbung
,

Sprezzatura, Dandyismus, Camp

Eine der Trouvaillen dieses Ausstellungsfrühjahrs ist sicherlich die Schau zu Jacopo Pontormo in Hannover. Der florentiner Meister, berühmt für seine im „Il libro mio“ betitelten Tagebuch angehäuften Skurrilitäten, fördert auf seinen Bildern vor allem eine Qualität zutage: die leicht schnöselig wirkenden, unnachahmlich locker, leicht und luftig dreinschauenden Figuren, deren Dasein darin zu bestehen scheint, um die eigene Lässigkeit zu kreisen. Potormos Zeitgenossen haben diese Haltung, die sowohl dem Porträtierten als auch dem Porträtisten gutgeschrieben wurde, als „Sprezzatura“ kodifiziert. Im folgenden eine kleine Revue dazu. Sprezzatura „Man sagt auch, dass bei einigen hervorragenden antiken Malern das Sprichwort gegolten habe, dass zuviel Fleiß schädlich sei... Die der Künstelei entgegengesetzte Tugend also, die wir für den Augenblick Lässigkeit (Sprezzatura) nennen, enthält, außer dass sie die wahre Quelle darstellt, aus der die Anmut fließt, noch einen anderen Wert... Er erweckt im Geist der Anwesenden den Eindruck, dass wer derart leicht gut handelt, viel mehr versteht als was er tut, und es noch viel besser machen könnte, wenn er auf das, was er tut, Fleiß und Mühe verwenden würde. Eine einzige mühelose Linie, ein einziger leicht hingeworfener Pinselstrich, wobei die Hand, ohne von dem emsigen Fleiß oder irgendeiner Kunst geführt zu werden, aus sich selbst heraus auf ihr Ziel in den Absichten des Malers loszugehen scheint, enthüllen auch in der Malerei deutlich die Vortrefflichkeit des Künstlers.“ So also liest sich die Gründungscharta künstlerischer Nonchanlance, und sie findet sich nicht von ungefähr im „Buch vom Hofmann“, dem „Cortegiano“ des Baldassare Castiglione, erstmals erschienen 1528. Was hier gepredigt wird, hat natürlich einen courtoisen Hintergrund – gerade deswegen kommt diese Lässigkeit beiden Geschlechtern zu. Der Gout des Besonderen, der aus betonter Unbesonderheit entsteht, ließ sich sofort aufs Ästhetische übertragen, ja, hatte dann hier sein eigentliches Refugium. Sprezzatura, die Leichtigkeit, ist die Vorform von Konzeptualität: Was einer kann und weiß, muss nicht notwendig in den Bildern immer sichtbar sein. Jacopo Pontormo, Bildnis einer jungen Dame mit Schosshund Dandyismus „Der Dandyismus ist auch nicht, wie viele Leute von geringerer Überlegungskraft zu glauben scheinen, eine unmäßige Liebe zur Toilette und zur materiellen Eleganz. Diese Dinge sind für den vollkommenen Dandy nur ein Symbol der aristokatischen Überlegenheit seines Geistes. So besteht denn auch für seine Augen die Vollkommenheit...in der absoluten Einfachheit, als welche in der Tat die beste Art ist, sich zu unterscheiden.“ Es ist Charles Baudelaire, dessen Sätze über den, zu seiner Zeit auch schon fünfzig Jahre lang sein Wesen treibenden, Dandy ein Weltbild des reinen Ästhetizismus für sein Jahrhundert verbindlich machen. Bezeichnenerweise stehen die soeben zitierten Ausführungen in Baudelaires 1863 publiziertem Aufsatz über den „Maler des modernen Lebens“, und es ist wieder ein künstlerisches, ja wie bei Castiglione ein malerisches Paradigma, das hier gesetzt wird. Gerade der Dandy, mit seiner Zwischenexistenz von ebenso entrückter Schönheit wie augenblickhaft prekärer Erscheinung, ist prädestiniert für Baudelaires berühmte Definition von Modernität: „Im Historischen das Poetische“ zu suchen, „im Transitorischen das Ewige“. Camp „In der Sphäre des Geschmacks gibt es weder ein System noch Beweise. Aber es gibt so etwas wie eine Logik des Geschmacks: eine gleichbleibende Erlebnisweise, die einem bestimmten Geschmack zugrundeliegt und ihn erzeugt...Camp ist eine Art unter anderen, die Welt als ein ästhetisches Phänomen zu betrachten. Nicht um Schönheit geht es dabei, sondern um den Grad der Kunstmäßigkeit.“ 1962 verfügte Susan Sontag in ihren „Anmerkungen zu Camp“ die neue Aktualität einer alten Methode. Camp war exklusiv, Camp lebte von der Umwertung des bis dato Unterschätzten, Camp nahm das Subkulturelle als hochkulturell, und Camp machte sich seinen Reim auf das Problem nicht des Massengeschmacks, sondern der massenhaften Verbreitung von Leuten, die auf ihrer eigenen Version von Geschmack, wie immer er beschaffen sein mochte, beharrten. Mit Camp wurde Ästhetik idiosynkratisch, wurde zur Variablen, zu einer Größe, die abhängig war von den individuellen Reizbarkeiten. Was wie und warum gelungen war und dazugehörte, war Sache dessen, dass man „Existenz als das Spielen einer Rolle“ begriff. Ein Wort zum Schluss noch: Sage nie einer „Cool“ dazu.

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: