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Margaret Thatcher

Das Privileg der Historiker gegenüber den Zeitgenossen ist es, dass sie wissen, wie es weitergegangen ist. Wohlfeil lässt sich alles in die Vergangenheit projizieren, so, als wären die Dinge immer schon offen da gelegen, hätte man sich nur mit ihnen befasst seinerzeit. Ästhetische Erklärungen sind nichts anderes also solche Rückprojektionen. Wenn es dann erwartungsgemäß funktioniert, redet man von der speziellen Sensibilität eines Schriftstellers-Künstlers-Philosophen und hält den Kulturträgern zugute, was man letztlich an sich selber bejubelt, die Fähigkeit, einen Zusammenhang herzustellen zwischen dem Jetzt und dem Gestern. Immer wieder hat es mich erstaunt, in welcher Deutlichkeit mindestens seit Ende 1966 zu greifen ist, was in Großbritannien mehr als ein Dutzend Jahre später erst der Fall sein wird. Swinging London hatte sich gründlich zerfranst, die Kinks sangen von der „Dead-End Street“, in der „the kitchen sink is leaking“, um die freudlose vorhergegangene Dekade mit ihrem Kitchen Sink und einer Ästhetik der Befangenheit in den Umständen der Fünfziger wieder aufzurufen. Man flüchtete sich in Versponnenheiten und von Egos und Drogen geleitete Trips. Die generationenübergreifende Bewegtheit der mittleren Sechziger endete in der Kristallisation. Dann hatten die Engländer auch noch das Viertelfinale bei der WM in Mexico verloren, die Revanche von Wembley. 1970 war endgültig klar, dass eine neue Austerität einsetzen und die Depression, die sich kulturell längst angekündigt hatte, endgültig herfallen würde über die Gemüter. Zur Hybris der Sechziger würde sich die Nemesis zeigen, und vielen Berichterstattern über die Zeit war klar, dass die Rache sich personifizierte in der knochigen Gestalt von Margaret Thatcher. Sie wird nie einen Zweifel daran lassen, dass sie mit eisernem Besen auskehrt, was an Chaos liegengeblieben war. Immerhin kam sie erst 1979 ans Regieren, ein Jahrzehnt musste gewartet werden, doch sie war an der Reihe, geschichtsmächtig sozusagen, fast schon geschichtsnotwendig. Dominic Sandbrook jedenfalls, der der britischen Nachkriegszeit mittlerweile vier opulente, die Jahre 1956 bis 1979 erfassende Bücher widmete, hat sie ständig im Visier. Auch Ian MacDonald lässt in seiner profunden Analyse der Beatles und ihrer Karriere, betitelt „Revolution in the Head“, die Geschichte der Sixties in Mrs. Thatcher kulminieren. Nun ist sie gestorben, die Eiserne Lady, die mittlerweile längst jene Art von Sexyness besaß, dass Meryl Streep, als sie sie für Hollywood nachstellte, mit einem Oscar dekoriert wurde. Was hat sie hinterlassen? Punk hat gegen sie protestiert, doch auch zu dessen großer Zeit war sie noch nicht an der Regierung. Die Smiths sind undenkbar ohne sie: „Ich bete nur, dass es irgendwo noch einen Sirhan Sirhan gibt“, gab Morrissey in Anspielung auf den Attentäter Robert Kennedys zu Protokoll, nachdem sie ihren triumphalen, dem Falkland-Krieg zu verdankenden Wahlsieg eingefahren hatte; „Margaret on the Guillotine“ wird er dann auch noch singen. Wer es genauer wissen will, lese den Eintrag „Cultural depictions of Margaret Thatcher“ im englischen Wikipedia. Mein simples Fazit: Die Kultur hat nicht von ihr profitiert; aber die Kultur hat mächtig gegen sie profitiert.

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