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Cool

Am 2. Oktober 1930 nimmt Harry Graf Kessler an einem Staatsbankett der preußischen Regierung im Berliner Schloss teil. Der barocke Überschwang des Hohenzollernschlosses kommt ihm dabei unangenehm zu Bewusstsein, und er hält sich schadlos mit dem ganz deutlichen Stolz auf die Errungenschaften seiner Gegenwart. „Wir haben“, schreibt Kessler in sein Tagebuch, „in den zwölf Jahren seit der Revolution eine neue Schönheit geschaffen, die mit der Arbeitsdemokratie in Einklang steht, ja sogar schönere Menschen, feinere, schlankere, strahlendere hervorgebracht;... Nie ist mir so sinnenfällig geworden, daß die frühere Epoche abgeschlossen und unmöglich geworden ist, die Revolution nicht nur äußerlich gewesen ist, sondern wirklich das Fazit aus einer epochalen Umwälzung, aus einer unwiderruflichen Umwälzung der grundlegenden Lebensbedingungen gezogen hat.“ „Karl Hubbuch und das neue Sehen“ heißt eine vom Fotomuseum des Münchner Stadtmuseums zusammengestellt Schau, die gerade in der Städtischen Galerie in Karlsruhe präsentiert wird. Hubbuch ist ein exemplarischer Vertreter dieser veränderten Schönheit, und speziell sind es die Frauen, mit denen er lebte und arbeitete und die vor allem selber künstlerisch unterwegs waren. 1925 war diese Ästhetik in einer Mannheimer Ausstellung auf den Begriff „Neue Sachlichkeit“ gebracht worden. Karl Hubbuch, Martha im Atelier, um 1927 (Detail), Städtische Galerie Karlsruhe, © Karl Hubbuch Stiftung Freiburg Franz Roh, Kritiker und Künstler, der mit einigen Fotos auch in der Ausstellung vertreten ist, hat dazu eine Aufstellung veröffentlicht, die den „Expressionismus“, wie er bis dato gegeben war, vom „Nach-Expressionismus“, wie er sich nunmehr greifen ließ, begrifflich schied. „Ekstatische Gegenstände“ seien „nüchternen Gegenständen“ gewichen, so beginnt Roh mit seiner Liste, statt „rhythmisierend“ gelte nun „darstellend“, statt „erregend“ heisse es nun „vertiefend“. Hier weitere von Rohs Gegensatzpaaren: „ausschweifend – eher streng, puristisch“; „dynamisch – statisch“; „monumental – miniaturartig“; „aufrauhend – glättend, vertrieben“; „wie unbehauenes Gestein – wie blank gemachtes Metall“; „expressive Deformierung – harmonische Reinigung“; sowie, als letztangeführtes Gegensatzpaar: „urtümlich – kultiviert“. Hatten vordem die rustikalen Eigenschaften zwischen Notgemeinschaft daheim und Kameradentum im Krieg die Oberhand – Echtheit, Primitivität, Verwurzeltheit, Eingebundenheit in die Sippschaft – so treten nun urbane Verhaltensweisen auf den Plan – die Blasiertheit, das Sichtreibenlassen, das Aufgehen in einer Vielfalt der Eindrücke. Statt Authentizität ist nun das Spektakel gefragt. Pathos, Emphase, Überdrehtheit weichen der Coolness, dem unbeteiligten Konstatieren eines „Das alles gibt es also“. Die Kultur des Weltkriegs war ein Aufbegehren gegen die umfassende Erfahrung des Entgleitens, des Sinnverlusts, mit einem Wort: der Entfremdung. Die Kultur der Stadt dagegen nimmt Entfremdung als Voraussetzung hin, als Bedingung eines Lebens unter den Auspizien der Gegenwärtigkeit. Die Menschen werden dabei schöner. Zehn Jahre später werden sie dann so hässlich wie nie zuvor. Anders als Kessler meinte, waren die Zeiten widerruflich.

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