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Shitsturm

Der Aufmacher im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ vom gestrigen Mittwoch zog sich, was selten vorkommt, über die gesamte Blattbreite von sechs Spalten. Was noch seltener vorkommt, wurde auf den Text auch noch auf Seite eins hingewiesen, in der sogenannten Skyline ganz oben, als Teaser der besonderen Art. Was war das nun für Text, der es ganz dick meinte mit sich und den Lesern? Alexander Gorkow, langjähriger Redakteur und seit 2009 verantwortlich für die renommierte, der großflächigen Reportage gewidmete Seite drei der SZ, kühlte sein Mütchen an der verhinderten Konversation, die die deutsche Schauspielerin Katja Riemann mit dem Moderator Hinnerk Baumgarten live in einer Talk-Runde des NDR ausfocht. Man konnte zusammen nicht kommen, was Millionen Klicks auf Youtube und ein heftiges Gezetere seitens der Internet-Teilnehmer nach sich zog, einen Shitstorm, den Gorkow für angezeigt hielt, zu einem „Scheißsturm“ zu machen. Katja Riemann bei "Das!" Soweit, nun ja, die Fakten. Gorkow scheint genervt vom deutschen Fernsehen, und das kann vorkommen. Er scheint auch Frau Riemann für eine bessere Aktrice zu halten als die zu diesem Anlass mit dem Verb „herumknödeln“ bedachte Veronica Ferres, und auch da kann ihm durchaus recht gegeben werden. Doch wofür braucht der Schreiber sechs breite Spalten und eine Dreiviertelseite? Um sich auf den Jargon des inkriminierten Vorabendplauderers zu abonnieren und spaltenweise Formulierungen abzusondern wie „ziemlich okayer Vogel“, „ein ganz besonders geiles Exemplar“ oder „Boah ey, muss denn immer alles so kompliziert sein.“ Dann erzählt Gorkow eine schöne Anekdote, allerdings auf unschöne Weise. Christoph Waltz, „als er noch keine zwei Oscars“ hatte, wäre von einer „deutschen TV-Journalistin“ beim „Kurzinterview im Hotelzimmer“ mit dem Satz „überfahren“ worden: „Ich schlag vor, dass wir uns einfach mal duzen“. Und Waltz hätte repliziert: „Ich schlag vor, dass wir das einfach mal lassen“. So schlagfertig der Schauspieler, so vorhersehbar die Wortwahl des Berichterstatters. Und das ist das Generelle an diesem Journalismus und an diesem Text, der immerhin in einem Kulturteil erscheint, der sich für einen der besten im deutschen Sprachraum hält. Gorkows Jargon läuft nämlich seinerseits darauf hinaus, die Leser zu duzen. Seine Sätze sind nur auszuhalten im Rahmen einer gegenseitigen Vereinbarung auf Brachialironie. Was Gorkow skandalisieren möchte, den Kumpanenton einer auf der puren Oberfläche stattfindenden Schmalspurkonversation, legt er in aller Penetranz selber an den Tag. In einem Idiom, das Gorkow nicht pflegt, ausgedrückt: Was hier betrieben wird, ist ein performativer Widerspruch. Oder in Gorkows Ton: Es ist Scheisse.

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