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Santiago Sierra - Skulptur, Fotografie, Film: Sozialkritik durch Handlung

Nein, erklärt uns die Museumsaufsicht freundlich, auch wenn es sich bei dem Objekt um ein eigens für die Ausstellung angefertigtes Modell handelt, dürfen wir uns die Röhre aus Teerpappe und Holz, das an einer Seite mit einem Scharnier mit der Wand verschraubt ist, nicht auf die Schultern hieven. Auch der Raum, angefüllt mit rund 30qm Torf und Moor darf nicht, wie seinerzeit in Hannover, betreten werden. Partizipation der Besucher ist zum einen nicht im Sinne von Santiago Sierra, zum anderen sind seine Arbeiten ortsspezifisch angelegt. Beim Schlammhaus in der Kestnergesellschaft beispielsweise ging es um den Maschsee, der im Zuge einer nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mit von Arbeitern mit Spaten ausgehoben wurde. Eine retrospektiv angelegte Ausstellung von Santiago Sierra in der schwäbischen Provinz? Irgendwie hatte man den Spanier stets eher mit Orten wie Mexico City in Verbindung gebracht, wo er mit Teresa Margolles und Francis Alÿs eine Trias bildete, die überaus deutlich gesellschaftspolitische Problematiken wie Drogenkrieg, soziale Isolation, ungerechte Arbeitsbedingungen in ihre konzeptionellen Arbeiten mit einbezieht. Und während die eine oftmals Körperfett oder Wasser von Leichenwaschungen benutzt, die Aktionen des anderen mit Filmen und Fotos dokumentiert werden, spielt bei Sierra meist ein skulpturales Element eine Rolle. Nun also Kunsthalle Tübingen. Man hat sich in der Kunsthalle redlich Mühe gegeben, neben Fotos, Filmen, bei deren Länge mehrere Abspielmöglichkeiten absolut kein Luxus wären und sonstigen dokumentarischen Schriftstücken, die skulpturalen Relikte einzelner Performances nach Tübingen zu karren oder deren formales Erscheinungsbild zu rekonstruieren. So wurde der Schlammraum nachgebildet oder oben erwähntes an der Wand angebrachte Objekt, das ursprünglich in einer Schweizer Galerie von politischen Flüchtlingen für einen – wie üblich – unwürdigen Stundenlohn auf den Schultern gehalten wurde. Wie meist ging es um die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und wie stets hat Sierra die Akteure mit dem auch außerhalb des Kunstkontextes entsprechend niedrigen Betrag, entlohnt. Nachgerade monumental wirkt die Inszenierung von 21 Blöcken aus menschlichen Fäkalien, hergestellt von indischen Latrinenarbeitern aus der Kaste der Unberührbaren. Das muss man wissen oder lesen, sonst versprüht diese Installation aus Modulen und den aufgeklappten Kubaturen ihrer Transportkisten lediglich ihren minimalistisch- ästhetischen Reiz. Mittendrin in der Ausstellung löst sich durch eine Fotografie aus dem Jahr 2011 auf, was wie es scheint, nicht hinlänglich bekannt ist. Der Künstler demonstriert dort gemeinsam mit Franz Erhard Walther auf einer verschneiten Wiese den Sehkanal aus dessen 1. Werksatz, der 1972 in der eben eröffneten Kunsthalle Tübingen präsentiert wurde. Ja, Sierra hat, vor seiner Zeit im rauen Alltag von Mexico City, neben B.J. Blume und Stanley Brouwn in Hamburg beim Meister der partizipativen Kunst studiert, und dessen formalästhetische Kriterien und Handlungsanweisungen in einem sozialkritischen Sinne weiter gedacht. Tübingen ist kein Ort für Provokationen, doch erscheint er auf einmal passend für derlei Retrospektiven. Danach geht die Schau in veränderter Form nach Hamburg in die Sammlung Falckenberg in den Deichtorhallen.
Santiago Sierra - Skulptur, Fotografie, Film
23.03 - 16.06.2013

Kunsthalle Tübingen
72076 Tübingen, Philosophenweg 76
Tel: +49 (0)7071 / 96 910, Fax: +49 (0)7071 / 96 91 33
Email: kunsthalle@tuebingen.de
http://www.kunsthalle-tuebingen.de/
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr-So 11-18, Do 11-19 h


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