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Studiengebühren

Gerade hat man in Bayern mit gehörigem publizitären Getöse die Studiengebühren aufgehoben. Auch noch im schwärzesten Land der Hemisphäre sieht es jetzt so aus, als würde auf sozialdemokratische Politik gemacht - als würden Aufhebung der Wehrpflicht, Atomausstieg oder ein SPD-Oberbürgermeister in Passau nicht schon ausreichen. Ich bin für Studiengebühren. Es hat dem Haus, an dem ich unterrichte, es befindet sich in Baden-Württemberg, sehr gut getan, das Geld, das bis vorletztes Jahr von den Studierenden eingezogen wurde, selber entgegen zu nehmen und nach eigener Souveränität zu verwalten. Dann kamen, noch unter CDU-Administration, vielerlei und in ihrer Anzahl überhand nehmende Ausnahmeregelungen für nach den diversesten Richtlinien zu solchen ernannte Bedürftige. Schließlich ist es, unter grün-rot, ganz vorbei gewesen mit den Studiengebühren. Unser Haus bekommt jetzt etwas weniger Geld, aber das ist, jedenfalls politisch gesehen, nicht das Problem. Dieses besteht eher darin, dass die Obrigkeit jetzt dazwischen geschoben ist bei der Zuteilung der Etats; irgendwelche Administrationen sind es, die nun exerzieren, was man einschlägig „regeln“ nennt. Doch auch das ist es noch nicht ganz. Das eigentliche und generelle Problem besteht darin, dass Bildung nur noch schichtenspezifisch funktioniert. Wenn die Studiengebühren fallen, sind nicht nur diejenigen eines finanziellen Beitrags enthoben, die in absehbarer Zukunft von ihrer Ausbildung profitieren werden; es sind vor allem diejenigen enthoben, die seit Jahrzehnten davon profitiert haben. Nicht nur die bald Privilegierten sollten zahlen, sondern speziell diejenigen, die schon lange privilegiert sind. Als ich aufs Gymnasium kam, hatte kein einziger Elternteil irgendeines Mitglieds meiner Klasse Abitur. In den Gymnasialjahrgängen meiner beiden Töchter gibt es jetzt eine einzige Mutter, die keine Hochschulreife hat (die Väter haben sie durchwegs). Vor vierzig Jahren galt, Willy Brandt war Bundeskanzler, die Devise Bildung für alle. Diese Utopie hat sich realisiert in der Zwischenzeit. Es gibt Akademiker zuhauf. Und es gibt, schließlich wissen die am allerbesten, wie man Pfründewirtschaft betreibt, keine, überhaupt keine Durchlässigkeit mehr. Bildungspolitik ist längst das Gegenteil einer Organisation von Aufstiegschancen. Die Haushalte mit Hochschulzugang reproduzieren sich samt und sonders selber. Genau dieses Nicht-Soziale exerzieren sie jetzt in Bayern durch.

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