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Roy Lichtenstein

Pop Art gilt gerne als eine Art Schnellschusskunst. Doch man muss sich auf der Zunge zergehen lassen, wie es bei Roy Lichtenstein abläuft, wenn eines seiner Bilder ins Werk gesetzt wird. In der Londoner Tate Modern ist dem neben Andy Warhol notorischsten aller Pop-Artisten gerade eine Retrospektive gewidmet, die in ihren Facetten vorführt, was ein Oeuvre ist und wie es entsteht. Von allen Sparten des Pop ist jene, die den Begriff popularisiert hat, die Pop Art, die konventionellste. Wenn die Vermischung von High und Low, das Signum schlechthin all der Bestrebungen seit den Sechzigern, am wenigsten greift, dann in der bildnerischen Produktion. Hier bleibt es bei der Hochkunst. Die Vorlage verdankt sich also bei Lichtenstein in der Tat massenmedialer Verbreitung, vor allem dem Comic. Diese Vorlage, die ohnehin nur einen Extrakt aus einem erzählerischen Zusammenhang darstellt, wird nun nochmals fragmentiert und in dieser erweiterten Ausschnitthaftigkeit abgezeichnet. Die Skizze, die dabei entstanden ist, wird sodann per Epidiaskop an die Wand geworfen – es ist niemals die Comic-Vorlage selber, sondern stets das Do-It-Yourself der Zeichnung -, es wird eine Leinwand davorgehängt, und jetzt beginnt der Künstler, daraus Malerei zu machen. Ist es dann vollendet, sieht es zwar aus wie ein flotter Wurf. Doch wie vieler Etappen bedurfte es, um diese Wurfstrecke zu durchmessen. Lichtensteins Kunst trägt also eine klassische Legitimation durch Verfahren mit sich. Was leicht und schnelllebig anmutet, ist die gemeisterte Schwierigkeit, und der Weg vom Pin Up zum Image oder vom Objekt zum Label und damit von der Retortenhaftigkeit der Vorlage in die Unverwechselbarkeit des Werkes ist gehörig lang. Die Bilder sind Erben des Modernismus. Sie sind zu allererst flach, Exponenten des Zauberworts Flatness. Was gab es denn Zweidimensionaleres als die Vorlagen aus den Papieren der PR? Und zur immer schon gegebenen Flächigkeit der Reproduktionen kam auch noch die Flachheit ihrer Botschaften. Ohne Attitüde von Großmeistertum und Existenzialismus, aber nicht weniger dezidiert, spielt Lichtenstein auf der Klaviatur des Abstrakten Expressionismus. Und so hat die Pop Art auch die bildnerischen Sujets neu erfunden. Lichtensteins Gemälde sind Stilleben, Porträts, Landschaften. Und Historienbilder, einst die ranghöchsten in der Hierarchie der Gattungen, kommen ohnedies vielfältig vor, denn die Stories, die die Comics erzählen, liefern die auf die Gegenwart abgestimmte Geschichte, die Haupt- und Staatsaktionen eines Alltags der Banalität. Lichtensteins Werk stellt nicht weniger als eine Enzyklopädie dar, ein Kompendium des Wissens der letzten fünfzig Jahre und der ihm gemäßen Bilder. Es stellt eine Enzyklopädie dar unter den Bedingungen von Angebot und Nachfrage, der unbegrenzten Verfügbarkeit und des freien Verkehrs an Waren und Wahrheiten. Hier erfüllt sich die Welt in ihrer aktuellen, globalen Gegebenheit: ihrer Flachheit. Bis 27. Mai; www.tate.org.uk

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