Werbung
,

Neues vom Wiener Aktionismus

Dass man sich in Wiens Museen bei den Ausstellungen nicht immer unbedingt an die Widmung des Hauses hält, ist absolut nichts Neues. Kümmert man sich dann allerdings endlich einmal mit den musealen Tugenden des Sammelns, Bewahrens und Erforschens um die eigenen Bestände, heftet man sich neuerdings das Prädikat Kompetenzzentrum ans Revers. Soweit so erstaunlich, müsste man doch davon ausgehen, dass die Herren und Damen nicht alleine wegen ihrer Performanz an ihren Posten sitzen. Das mumok – Museum moderner Kunst, so lernen wir von Karola Kraus, begreift sich als „Kompetenzzentrum für realitäts- und gesellschaftsbezogene sowie performative Tendenzen der 1960er-Jahre“. Als solches hat das mumok nun gemeinsam mit Eva Badura-Triska, Kuratorin am Haus, und Hubert Klocker, Leiter der Sammlung Friedrichshof, eine dem aktuellen Forschungsstand entsprechende Gesamtdarstellung des Wieder Aktionismus herausgegeben, die absolut nichts zu wünschen übrig lässt, Wiener Aktionismus Kunst und Aufbruch im Wien der 1960er Jahre. Badura-Triska wie Klocker, seit mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnten ausgewiesene Experten auf dem Gebiet, haben hierzu eine Reihe von AutorInnen für das Publikationsprojekt gewonnen, die ihrerseits zum Thema ganz tadellos geforscht und publiziert haben. Und so werden in übersichtlichen, in sich geschlossenen Kapiteln, das Phänomen, die Aktionen und deren Protagonisten dargestellt, kürzere Aufsätze beleuchten verschiedenste Teilaspekte sowie einzelne Ereignisse, ausführliche Biographien und ein Who-is-Who des personellen Umfeldes runden die reich bebilderte Publikation zum Referenzwerk des Wiener Aktionismus ab. Nicht minder grundlegend sind die Textbeiträge von AMOR PSYCHE AKTION – WIEN, einem jüngst vom Galeristen und Sammler Julius Hummel zusammengestellten Buch, das sich dem Femininen im Wiener Aktionismus widmet. Dass es sich bei dem Werk um das Begleitbuch zu einer Ausstellung im Prager DOX, Centre for Contemporary Art, handelt, wurde bei der Ankündigung des Verlages leider ebenso wenig erwähnt, wie in der Publikation selbst. (Ausstellung 19.10.2012 - 28.1.2013) Lediglich ein Vorwort des Direktors und die Herausgeberschaft des Hauses lassen eine entsprechende Schau vermuten, auch im Impressum gibt es keinerlei zweckdienliche Hinweise. All das wäre womöglich nicht der Rede wert, was sich allerdings als höchst problematisch bezeichnen lässt, ist der Bildteil des Bandes. Es mag ja zum Prinzip des Zugangs von Galerist Hummel gehören, Dialoge herzustellen zwischen den Artefakten und Werken alter wie antiker Meister, doch ohne weitere Erklärungen oder gar Bildunterschriften (diese Angaben finden sich im Anhang) erscheint dies als ein etwas fragwürdiges Experiment. Assoziativ reiht sich so eine „Schindung des Marsyas“ von Tizian zur Aufnahme einer Nitsch-Aktion, die dargebrachte Vulva einer Klimt-Schönheit wird einem Innereien-Gekröse aus Rudolf Schwarzkoglers erster Aktion „Hochzeit“ gegenübergestellt, ein Detail aus Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ taugt zum Vergleich mit der Brus Aktion „Ana“. Das mag vielleicht durchaus inspirierend sein, doch mit dem wichtigen, in den Texten seriös behandelten Thema der Frauen im Wiener Aktionismus hat dies ebenso nur entfernt zu tun, wie die Ausweitung auf andere künstlerische Positionen aus dem Umfeld der Aktionisten und der Gegenwart. Vertraut man dem Urteil von Andrea Schurian, die aus Prag für den Standard berichtet hat, muss die Ausstellung zum Buch großartig sein. Auch Anna Brus, neben Hanel Koeck das wichtigste Modell der Aktionisten, kommt in der Rezension zu Wort, live von der Moldau sozusagen. Oder so ähnlich, konnte die Kritikerin doch für ihre Ausstellungsbesprechung in der Zeitung aus ihrem eigenen Textbeitrag des Buches zitieren. Aber auch derlei Vermischungen der Kompetenzen sind in Wien nichts Neues. Wiener Aktionismus – Kunst und Aufbruch im Wien der 1960er-Jahre; Hrsg. Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Eva Badura-Triska, Hubert Klocker. Erschienen im Verlag der Buchandlung Waler König, Köln, 2012 AMOR PSYCHE AKTION – WIEN - Das Feminine im Wiener Aktionismus – Sammlung Hummel Wien. Hrsg. DOX, Prag. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2012

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: