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Franz West. Wo ist mein Achter?: Diwan und Interieur

Natürlich wäre es netter gewesen, nach dem Entledigen der Schuhe auf der Bank zu verweilen, sich stündlich vom Wärter ein Glas Curaçao servieren zu lassen, um zu testen, wie das ist mit der Farbempfindung nach dem Genuss einer Flasche. Geht aber leider nicht, da es die Handlungsanweisung zur Handlungsanweisung verbietet. So bleibt das Arrangement aus einem niedrigen Podest, das einem Atelierboden nicht unähnlich ist, einer Sitzbank sowie einem Ständer mit ufo-artigem Aufbau samt Gläsern und einem Spender für das blaue Getränk ungenutzt. Wäre dies anders gewesen, hätte Franz West noch gelebt? Sicher nicht. Was aber womöglich hauptsächlich versicherungstechnische Gründe haben mag. Wests Werk ist ja grundsätzlich partizipativ angelegt, es fordert förmlich den Dialog mit dem Rezipienten, dessen Reaktion als Bestandteil der Arbeit zu sehen ist. Alles, nur kein Pathos, keine Thesen und Postulate oder gar eine Belehrung des Betrachters, war der Grundsatz des Künstlers, ansonsten kann immer alles auch ganz anders sein. Das Dilemma, wie mit Wests Passstücken im ungenutzten Zustand in einem musealen Kontext umzugehen ist, wurde erst in den 80er-Jahren offensichtlich, davor standen sie einfach irgendwo herum, da sie ohnehin lediglich von Wests privatem Umfeld rezipiert wurden. In den frühen Ausstellungen lehnten sie anfangs an der Wand mit der ausdrücklichen Aufforderung sie zu benutzen, dann wurde die klassische Präsentationsform des Sockels zur Ablage umfunktioniert, dann änderte sich das Œuvre in Richtung „legitime Skulptur“ aus Pappmaché, die Möbel kamen alsbald auch hinzu. Für die Ausstellung nun hat man einfach die eine oder andere Museumskopie hergestellt. Der Spagat zwischen Mitmachausstellung und Musealisierung ist durchaus gelungen. Franz West hatte die Ausstellung „Wo ist mein Achter“ noch mit konzipiert, gemeinsam mit Ines Turian (nein, liebe Tageszeitung Der Standard, „Sekretärin“ ist da nicht der richtige Begriff) eine erste Werkauswahl getroffen, nun ist es die erste posthume Präsentation geworden, in deren Zentrum Arbeiten stehen, die aus mehreren Artefakten, auch anderer Autoren, zusammengefügt sind. Diese Kombinationen und Rekombinationen waren schon zu Lebzeiten ein beliebtes Stilmittel, den Dingen einen lapidaren Stellenwert zu geben, nun erweist es sich als kluges Konzept für eine Ausstellung mit retrospektivem Anspruch. Jene Arrangements umfassen ganz nebenbei die gesamte Bandbreite von Wests Schaffen und den Kollaborationen mit anderen Kollegen. Nicht das Hervorheben einer singulären Arbeit stand hier im Vordergrund, sondern ein angenehmes Ambiente. West sprach von sich in diesem Zusammenhang als „Befindlichkeitshersteller“, was die Sache ganz gut trifft. In diesem Sinne kann man auch die Ausstellung als geglückt bezeichnen, man besucht sie heiter bis beschwingt, auch ohne Curaçao.
Franz West. Wo ist mein Achter?
23.02 - 26.05.2013

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