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Hans Kupelwieser - Reflections: Mutationen des Zufalls

Bei Hans Kupelwieser kann man sich nie ganz sicher sein. In mehrerer Hinsicht. Ist das Betrachtete nun das Endresultat, ein Zwischenstadium, eine Studie, ein Zufallsprodukt, aus intellektuellem Kalkül oder impulsiver Intuition entstanden? Ein Experiment, ein Readymade, originäres Kunstwerk oder ein Witz? Wie die auf sein Oeuvre rückblickende Schau in der Shedhalle in St. Pölten zeigt, reflektiert sein Werk von allem etwas.

Es ist von einem stetigen Wandel und Wechsel zwischen den Medien und Dimensionen geprägt. Der künstlerische Prozess ist ein ständiges Erkennen und Reagieren und neues Gestalten einer Situation. Niemals abgeschlossen und dennoch permanent, wird er in seiner Kontinuität als Station manifest, bis diese zur nächsten nicht vorhersehbaren mutiert und neue Form annimmt.

Ein ellipsoider Raum aus Stahlbuchstaben „Elliptisch B. Sch“ (1996) entstand auf der Basis einer Schrift von Burghart Schmidt (1995) zu einem noch nicht realisierten Entwurf Kupelwiesers für eine Textskulptur. Kupelwieser hat beides, eigene künstlerische Praxis als primäres und auf diese projizierte Theorie als sekundäres Element in stählerner Materie symbiotisch vereint. Das zitierte „Entorganisieren“ der „poetischen Visualität“ ist ästhetisch dinghaft geworden. Das Objekt spricht über sich selbst, doch weist die Tautologie über sich hinaus, oder hat sich selbst sabotiert.

Für Kupelwieser muss nichts so bleiben wie es momentan gerade ist. Der gelochte Aluminiumsessel von Coray wird beleuchtet. Sein Schatten wird auf Aluminium übertragen und ausgeschnitten. Das Blech wird gefaltet und reliefhaft an die Wand gehängt: „Folded Coray“ (2008). Die Faltverläufe sind dabei nur bedingt steuerbar, das Material behält sich eine gewisse Eigenwilligkeit vor. Die Erscheinungsform der mehr oder weniger übereinander zu liegen kommenden Löcher, d.h. die Ästhetik, ergibt sich mehr oder weniger zufällig. Oder Kupelwieser stellt den gleichen Coray-Sessel auf eine rotierende Plattform, der Sessel erscheint rein visuell als temporärer Rotationskörper geometrisch. Die vorhin je nach Blickwinkel zufällige Ansicht ist aufgehoben. In der langzeitbelichteten Fotografie dieses ebenmäßig wirkenden Körpers wird er seiner Idealität wieder beraubt, die Form verliert ihr Volumen, Bewegungsspuren und Umriss sind vage erkennbar, je nach Zeitpunkt und Dauer der Aufnahme dem Zufall wieder zurück gespielt.

Ebenso wenig ist die exakte Formgebung des sieben Meter hohen Polsters an der Stirnwand der Ausstellungshalle (aus der Serie „Gonflables“, 1998-2004) vorhersehbar, da sie durch zwischen zwei randverschweißte Aluminiumplatten geblasene Druckluft entsteht. Zusammengequetscht wird das Superkissen, in welcher Gestalt auch immer, als Recycling-Kunstwerk den Ausstellungsraum wieder verlassen. Unberechenbar war auch die durchlässige Ordnung der zwischen zwei Säulen verkeilten Birkenäste „ohne Titel“ (2012), denn diese haben Mitarbeiter des Museums verspannt. Merk- oder fragwürdig muten die großen Aluminium-Kartoffeln an, die zwischen Plafond und Boden übereinander getürmt sind. Im NÖ Landespensionisten- und Pflegeheim Scheibbs als „Kartoffeldruck“ (2007) bogenförmig gegen die Wand verspannt, implizierten sie ironische Referenzen an Gesetzmäßigkeiten der Tektonik. In der Anwendung in der Shedhalle „ohne Titel“ (2012) wirkt dasselbe Motiv fast unmotiviert, achtlos oder absichtlich? Und dann der kurios abgelegte Glanzstoff „StP“ (2012), den Kupelwieser (subtil lächelnd) von seinem Sockel hebt und irgendwie nachlässig wieder fallen lässt, den Faltenwurf angeblich dem Zufall überlässt. Ist das Provokation, Ironie oder einfacher Spaß, oder soll der Zufall tatsächlich zum künstlerischen Prinzip erhoben sein?

Kupelwieser betreibt eine Konzeptkunst als Gratwanderung. Der stetige Mutationsprozess scheint spielerisch; ob er es ist, bleibt – konsequenter Weise – ungewiss. Und wenn, womit treibt Kupelwieser sein subversives Spiel: mit den Werken, mit der Kunst, mit dem Kunst- und Künstlerbegriff oder mit den BetrachterInnen?

Hans Kupelwieser - Reflections
29.09.2012 - 27.01.2013

Landesgalerie für zeitgenössische Kunst
3100 St.Pölten, Kulturbezirk 5
Tel: +43-2742 90 80 90
Email: office@zeitkunstnoe.at
http://www.zeitkunstnoe.at/
Öffnungszeiten: Di – So 9 - 17 h


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