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Nachdenken über den Nachruf

Das heutige Thema passt besser in die herbstliche Landschaft als unter die Rubrik \"Glosse\". Doch drängt die absurde Häufung an Anlässen, eines Toten zu gedenken, geradewegs darauf zu. Die bevorzugte Textsorte der letzten Zeit war der Nachruf. Selbst \"Strizz\", der Titelheld eines Comics, den das Feuilleton der F.A.Z. genialerweise täglich Reflexionen aus dem beschädigten Leben eines Angestellten anstellen lässt, musste in der vergangenen Woche zweimal auf seinen Auftritt verzichten. Erst Unseld, dann Augstein. Da bedurfte es vieler Erinnerungsorte und Erinnerungworte. Strichmännchen haben da keine Chance. De mortuis nil nisi bene, wie man so sagt. In der Tat bietet der Nachruf die beste Möglichkeit, jemandem, zum Beispiel einem Künstler, all das an Freundlichkeiten hinterherzuschicken, das man ihm zu Lebzeiten stets versagte. Einer meiner elaboriertesten Totengedenktexte war Rudolf Hausner gewidmet. Der Chefredakteur des Blattes, in dem die Abschiedsworte erschienen, sah sich wieder einmal in seiner Einschätzung bestätigt. \"Bei den Toten\", pflegte er zu sagen und die versammelte Kulturberichterstattung ins Auge zu fassen, \"bei den Toten seid Ihr gut.\" Was meinte, bei den Lebenden weniger. Für die zeigte man nie soviel Verständnis. Und meistens, so ging die Kritik aus der oberen Etage weiter, wurde man dieser Lebenden, verknöchert in seinem Kulturbegriff, wie man war, überhaupt nicht gewahr. Nein, es ist kein Problem der Aufmerksamkeit. Es erklärt sich über die Textsorte. Nur hier kann Alexander Kluge über Augstein formulieren: \"Keine Phrase, dass er fehlt\", und damit die ultimative Meta-Phrase absondern. Joachim Kaiser schließt seine literarischen Epitaphien prinzipiell mit einem \"Wir haben viel verloren. Wer ihn kannte, einen Teil seines Lebens\" ab, und nur hier darf er dennoch weiterschreiben. Der Nachruf hat einen guten Leumund. Vielleicht sollte es weniger heissen \"Nur Gutes über die Toten\" als \"Nur über die Toten Gutes\". \"Gleichgültig ob man ein Kunstwerk loben oder tadeln will: Ist der Text gelungen, so stimmt auch das Kunsturteil\", sagte Jan Tabor einst. Ein Satz, der in Erz gemeisselt gehört. Stimmt die Rezension, so stimmt auch das Urteil über das Rezensierte. Doch ob das auch für das Gedenken gilt: Ist der Nachruf gelungen, so stimmt auch das Urteil über das Leben?

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