Werbung
,

Nives Widauer - Dialog mit Analog: Nachhaltige Assoziationen

Lärmend, schrille Werbungen, hektische Einkäufer, unruhiges Gewimmel der Warenwelt: Die Wiener Innenstadt gibt sich entgegen jeden alarmierenden Krisenverlautbarungen zur Weihnachtszeit wie gewohnt geschäftig. Die Gegenwart ist, wie sie ist, nahezu unerträglich. Aber mitten drin (in der Dorotheergasse), da gibt es auch einen ganz anderen Kosmos, den Kosmos der Nives Widauer, auch eine wahre Welt, genauso contemporary (wie sich der Galerieraum Hilger bezeichnet), durchsetzt mit aktueller Problematik und obendrein genauso käuflich erwerbbar. Dennoch setzt die Künstlerin dieser selbstquälerischen Hysterie um das Objekt und Besitz bezogene Jetzt und Hier, was in dieser Weihnachtszeit ja nur deutlicher spürbar ist, einen Gegenwartsbegriff von anderer Dimension entgegen.

Nothing is like what the memory of it will become lautet die Gravur auf der in Bronze gegossenen VHS-Kasette. Bronze ist das klassische Medium für auf Dauer haltbare Plastiken, das Material der Denkmale und Museen. Und für Nives Widauer sind (ihre) Videokassetten ehrwürdig genug um als bronzenes Motiv bewahrt zu bleiben. Die aus der Videobranche kommende Künstlerin montierte ihre Videoarbeiten auch zu einer größeren Skulptur mit der Funktion einer Bank: Settle. Die Hüllen sind nun zur fassbaren bronzenen Datenbank mutiert, der Inhalt ist Erinnerung. Beides ist Geschichte. Bestand hat die an sich banale äußere Form gewonnen, mit neuer Bedeutung aufgeladen zu Kunst mythifiziert. Die innere Form ist wohl modernisiert, dem Fortschritt entsprechend digitalisiert, deswegen aber nicht unmittelbar greifbar, noch weiter entmaterialisiert als es die Bandaufzeichnung der veralteten Kassette war. Seltsame Abzweigungen und Changieren der Kunst in der Zeit von Fortschritt und Vergänglichkeit.

Nives Widauers Datenbank lädt zum Verweilen ein, zum Sinnen über die Zeit, die Vergangenheit, Flüchtigkeit, die Erinnerung und die Verschränkung mit dem gegenwärtigen Erfahrungsraum und dem zukünftigen.

Den auf der Datenbank Sitzenden konfrontiert sie mit der Serie Deadlands, Collagen von schwarz-weiß Fotografien aus gefundenen Büchern, Totenmasken über Landschaften. Die tonige Stimmigkeit der alten Fotos bindet die beiden Sujets zusammen. Die Antlitze, in welchen Sterblichkeit, Momentaufnahme und dauerhafte Haltbarkeit zu Einem verschmolzen sind, erscheinen in einem eigenartig ruhenden Schwebezustand über den seltsam entvölkerten Landschaftsfotografien. Neue Assoziationsräume werden aufgerissen, dem Kontext der bronzenen Datenbank wesensähnlich und diesen gedanklich erweiternd.

Nives Widauer erkennt in unterschiedlichsten, oftmals auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden gefundenen Objekten Gemeinsamkeiten, die sie in unerwarteten Kombinationen zu komplexen Bedeutungsträgern gestaltet. Für die Werkgruppe der Constellations schnitt sie Teile von alten, geklöppelten oder gehäkelten Deckchen aus und setzte an die Leerstellen Mond- oder Planetenfotografien. Das expansive Moment der meist zentral positionierten Fotos findet in der feinen textilen Handarbeit eine wenngleich andersartige, so doch charakteristischen Fortsetzung. Es sind feinst ausgearbeitete Systeme, die auf einer Tischplatte zu einem Kosmos arrangiert sind.

Farbigkeit ist in Nives Widauers Werk nicht negiert oder vermieden, sie wird vielmehr sehr präzise und manchmal subtil zur inhaltlichen und formalen Ausformung eingesetzt. Das zeigen die bei Mondschein mit analoger Kamera aufgenommenen Fotografien ihres eigenen Schattens am Strand und eines im Stehen schlafenden Pferdes. Das zeigt vor allem die Videoarbeit Gone, die Nives Widauer auf einen Gobelin des 18. Jahrhunderts projiziert. Die prinzipiell differenten Materien und zeitlichen Dimensionen sind in simultaner Effizienz strukturell miteinander verwoben. Die paradiesische Landschaft des Gobelins erscheint unter dem Strahl des Beamers hinter einer kühlen feinen Gitterformation. Erst wenn die Protagonistin, eine modern gekleidete Frau, ins Blickfeld tritt und sich abwendend in die romantische Umgebung des Gobelins schreitet, ist diese mit warmem Kolorit erfüllt. Diese Leben suggerierende Sequenz hält nur kurz an, denn mit dem verschwindenden Schatten der Frau taucht die Landschaft wieder ab in die wesenslose Kühle und unkörperliche Distanz. Gone kann als Metapher für individuelles Schicksal, kann aber auch als Sinnbild für die europäische Situation verstanden werden.

Die Arbeit ist wie die ganze Ausstellung nicht schwer zugänglich, sie soll ohne theoretische Umwege direkt – wie auch der Titel gedeutet werden kann: analog – wahrgenommen werden. Gerade in der unmittelbaren und sinnlichen Erfahrung öffnen sich vielfache Möglichkeiten zu diversen Assoziationen. Mit verhaltener, kontemplativer Ästhetik sind die BetrachterInnen zum Dialog mit den Werken aufgefordert. Gewünscht ist die gedankliche Reflexion im Themenkontext Zeit, Wahrnehmung und Interpretation – ein Diskurs über die Nachhaltigkeit unserer Werte.

Nives Widauer - Dialog mit Analog
07.12.2011 - 13.01.2012

hilger contemporary
1010 Wien, Dorotheergasse 5
Tel: +43-1512 53 15, Fax: +43-1-513 91 26
Email: contemporary@hilger.at
http://www.hilger.at
Öffnungszeiten: geschlossen


Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: