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Gregor Schneider - Sterberaum: Im Schatten des Skandals

Nicht nur im regenbogenfarbenen Blätterwald raschelte es gewaltig, als Gregor Schneider 2008 die Pläne für seinen „Sterberaum“ bekannt gab: Der Künstler wollte einem wirklich wahren Menschen einen Raum zum Sterben zur Verfügung stellen, respektive eben diesen als „Leichenschauraum“ für einen gerade Verstorbenen nutzen; es rauschte und rumpelte bedenklich in diversen Internetforen und artverwandten Stammtischrunden und gipfelte in Morddrohungen gegen Schneider. Selbst die obersten Verantwortungsträger in Sachen Gewissen und Ehre der so genannten Kulturnationen fühlten sich bemüßigt, etwas zum Thema Tabuzone Tod zum Besten zu geben. Etwas, mit Verlaub, schlecht beraten argumentierte auch der Künstler, als er am öffentlich ausgetragenen Sterben der britischen Kurzzeitberühmtheit Jade Goody aus den Containerlagern von „Big Brother“ solidarisch Anteil nahm. Selbstredend wagte es kein Museumsdirektor, den umstrittenen „Sterberaum“ zu Zeiten des medialen Overkills zu zeigen. Jetzt, da sich die Wogen von Empörung und Entrüstung gelegt haben, ist er weltweit erstmals und natürlich, möchte man fast sagen, in Österreich zur allgemeinen Ansicht und einer wertneutralen Diskussion freigegeben. „Toter Raum Rheydt 2005-2007“ (Werktitel) erfüllt als Raum im lichtlosen Ausstellungsraum in keiner Hin- oder Absicht die Forderungen nach einem Skandal auf Abruf, einem quotengeilen Spektakel rund um die Person eines Sterbenden, und führt auch keine „schöne Leich“ vor. Gregor Schneiders Zelle ist keine makabre Leichen- oder Sterbekammer auf dem gedoppelten Boden der Authentizität, kein Schauraum der nekrophilen Auffälligkeiten, wie es sich mancher wohl erhofft hatte. Der „Sterberaum“ (Ausstellungstitel) ist, wie schon 2008 angekündigt, der materialgerechte und detailgenaue Nachbau eines Raumes im Museum Haus Lange, der in den späten 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts von Ludwig Mies van der Rohe als bewohnbares „Kunstmuseum“ entworfenen Privatvilla in Krefeld. Ab 1955 als wegweisendes Ausstellungsinstitut für ambitionierte Projekte von Yves Klein bis Joseph Beuys und immer weiter adaptiert, erlebte Schneider hier 1994 seine „Geburt“ als musealer Künstler. Und: Im Jahr 2000 nahm er als „dying sculpture“ in einem post-aktionistisch angehauchten Akt des „Probeliegens“ bereits Maß an genau diesem einen Zimmer im Erdgeschoss des Anwesens. Nahezu „lebensecht“ ist die vermeintliche Verdoppelung des Originals, nur subkutan spürbar der Eingriff des Künstlers: Der Raum wurde „tiefer gelegt“, so Schneider, „damit er in den Kunstraum Innsbruck passt! Jetzt könnte ich ihn in das Haus Lange reinschieben!“ Dass „Toter Raum Rheydt 2005-2007“ leer und geschlossen ist und es auch bleiben wird, nicht geschmacksfremd möbliert oder dekoriert ist, ist nur konsequent. Lediglich im Bereich des Möglichen liegt eine tatsächliche Nutzung und ein organisatorisch kaum zu bewältigender Gebrauch. Im Raum aus dem Haus Lange scheint, und so sieht es der Künstler, genau diese Form von Würde und einer zeitfernen Schönheit verkörpert, wie sie auch den Prozess des Sterbens begleiten sollte. Wie die Architektur in Krefeld in ihrer respektvollen Haltung den Werken der Kunst so etwas wie Würde (und Schönheit) verleiht, sie nicht zu Steigbügelhaltern maßloser Architekturphantasien degradiert, so setzt Gregor Schneider als Bildhauer den Menschen in sein Recht auf einen humanen Tod.
Gregor Schneider - Sterberaum
20.11.2011 - 28.01.2012

Kunstraum Innsbruck
6020 Innsbruck, Maria-Theresien Strasse 34
Tel: +43 512 58 4000, Fax: +43 512 58 4000-15
Email: office@kunstraum-innsbruck.at
http://www.kunstraum-innsbruck.at
Öffnungszeiten: Di-Fr 14-18.00, Sa 11-16 h


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