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Padhi Frieberger - Glanz und Elend der Moderne: „Einmal modern – immer modern!“

Padhi Frieberger ist kein Mythos. Er ist kein Phantom. Padhi ist einfach da, ganz real und ziemlich präsent – wenn er eine(n) an sich heranlässt. Er ist genauso real wie seine Kunst. Und er ist aktiv, wie eh und je, und das in seinem besten Metier seiner Sparten übergreifenden Kunst, in der Inszenierung, der Inszenierung seiner Werke wie seiner selbst. Und es ist immer authentisch. Er ist auch im Alter von über 80 Jahren perfekt gestylt. Bis ins Detail ist sein Auftritt präzise arrangiert. In hellblauer Jeansjacke, passend blauem T-Shirt, passend blauer Hose und passend blauer Kappe gekleidet, funkelt er sein Gegenüber mit klaren blauen Augen und manchmal stechendem Blick über der scharf geschnittenen Nase an - zwischen den dicht an dicht stehenden, penibel geordneten Stößen und Stapeln seines Archivs. Aufgrund seiner gebrechlichen Gesundheit richtet er nun die volle Aufmerksamkeit auf die genaueste Erfassung seiner gewissenhaft gesammelten, äußerst komplexen fotografischen Dokumentation all seiner Tätigkeiten und auf das Festhalten von neuen Texten und verbalen Einfällen, seinen Aphorismen. Denn wie er sagt: „Ich bin kein Literat, ich bin ein Künstler, der was zu sagen hat.“ Und zu sagen hat er viel, hatte er immer schon viel, manchmal über alle Maßen viel. In der Kremser Ausstellung wird auch sein Frühwerk präsentiert, das ihn durchschlagend als unglaublich progressiven Pionier auszeichnet. Egal, ob es sich um ein frühes Aquarell handelt, das an die Bauhaus-Stilistik, Bilder wie von Oskar Schlemmer erinnert, das Objekt „o.T.“ von 1954, das in seinem Stillleben-haften Dasein Gemälden Giorgio Morandis verwandt ist und Materialassemblagen vorwegnimmt, die später unter dem Begriff der Objektkunst bekannt und ausgestellt wurden. Was Padhi Frieberger an Material aufgefunden hatte, verarbeitete er zu seinen Gebilden. Was heute als Müll- oder Abfallkunst im Trend ist, hat hier seine Vorläufer. Das Objekt „o.T.“ aus dem Zyklus der „Aufarbeitungsobjekte“, eine Komposition aus zersägten Stühlen und einem zersägten Tisch, ist zwar nicht datiert, kann aber dem Zustands- und gesamten Erscheinungsbild nach als authentisches Frühwerk gelten (zudem stammen die collagierten Zeitungsausschnitte aus 1945) und zwar auf dem Niveau von Robert Rauschenberg freistehenden „Combines“. Bevor Padhi Frieberger dessen Kunst gekannt haben kann, weist sein Werk verblüffende Parallelitäten auf. Seine Gemälde mit darauf montierten Alltagsgegenständen lassen sich mit Rauschenbergs „Combine Paintings“ vergleichen, beiden Künstlern geht es um dreidimensionale Malerei, die gegenüber dem Illusionismus Wirklichkeitscharakter besitzt. Die Collagen sind ähnlich eigenwillige Zusammenstellungen bunter, satirischer Bild- und Textfragmente. In beider Werk wird jede hierarchische Anordnung, jede gattungsspezifische Zuordnung verweigert. Stattdessen stehen ein unkonventioneller Gattungs- und Grenzen überschreitender, sowie ein gesellschaftskritischer Aspekt im Focus. Ein guter Schuss Dadaismus ist im Speziellen im Oeuvre Friebergers immer dabei – und für viele Werke ist abschließend ein satirischer oder sarkastischer Titel, „dass es nicht immer so bitter ernst ist, kommt die Pointe.“ Allerdings setzt sich in Rauschenbergs vergleichbaren Objekten der offene Geistesraum der amerikanischen Szene in der Freiheit der überzeugenden Formalisierung und Materialität allgemein und unmittelbar spürbar durch. Frieberger ist die Befreiung aus der determinierenden kulturellen Enge der österreichischen Nachkriegszeit nicht ausnahmslos geglückt. In manchem Exponat wird die Kritik zur aggressiven Polemik getrieben, die Attacke auf eine inhaltlich verkürzte Form radikal zugespitzt. Das ideell weite Potenzial der zutreffenden Ironie wird manchmal in der oft repetitiven Überfülle der zynischen Argumente zugeschüttet. Die Anstrengung der künstlerischen Äußerung verhindert gewissermaßen die Entfaltung eines möglichen imaginären Freiraums. Aber dem ist ein wesentliches Moment entgegenzusetzen: immer behauptet sich in Padhi Friebergers Werk seine originäre Authentizität als markante und konsequente Qualität. - „Meine Kunst ist keine Spielerei, sie ist einfach da.“ In der transgressiven Künstlerpersönlichkeit Padhi Frieberger sind Leben, politische Einstellung und Kunst ident. Diese Einheit steht wie ein Monolith, als geradezu hermetischer Komplex in unnachgiebiger, vehementester Rebellion gegen verkrustete gesellschaftliche, politische und marktorientierte Systeme. Die strikte Verweigerung des Kunstmarkts und seiner bisweilen verführerischen Mechanismen ist implizit, beharrlich und obligatorisches Prinzip. Frieberger führt mit musikalischer, bildnerischer, verbaler Kunstäußerung, mit radikaler Konsequenz in öffentlicher und privater Lebensführung einen Kampf gegen jede die Individualität einschränkende Struktur: „ Meine Kunst ist ein ganz wichtiges Politikum.“ - „Ich schreibe heute auch, aber noch viel radikaler. Das ist notwendig, weil alle nur so friedlich tun.“ Die Vielfalt von Padhi Friebergers Schaffen, seine Relevanz im umfassenden Kontext, kann in einer Ausstellung fast nur fragmentarisch repräsentiert werden. Was aber stärker in den Fokus gestellt werden könnte und sollte, ist das fotografische Werk. Wem er die außerordentliche Gelegenheit gewährt, in sein Archiv und in die zu Büchern gebundenen fotografischen Aufnahmen einzusehen, wird von dem frappierenden fotografischen Talent, wenn nicht überrascht, so tief beeindruckt sein; großartig der Einblick in „Padhis Objekt-zone“, großartig in „Padhis Habits“. – Padhi erweist sich als brillanter Fotograf, perfekt in pathetischer Theatralik wie in stiller Poesie der Aufnahmen. Diese sind von künstlerischer wie historischer Signifikanz, überragende Dokumentation seiner charismatischen Künstlerpersönlichkeit in ihren komplexen Facetten; vor allem aber Manifestation einer genialen, schillernden Inszenierung seiner Kunst wie seiner eigenen Person: Das Phänomen Padhi Frieberger in originärer Authentizität, von zeitloser Qualität. – „Ich bekenne mich zur Moderne. Ich bin ein moderner Mensch, lasse mich nicht korrumpieren von irgendwelchen rückläufigen Tendenzen. Einmal modern – immer modern!“ (Die Zitate sind dem Gespräch am 22.03.12 im Archiv des Künstlers entnommen, wofür ich mich bei Padhi Frieberger herzlich bedanke.)
Padhi Frieberger - Glanz und Elend der Moderne
16.10.2011 - 15.04.2012

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