Werbung
,

Neue Sachlichkeit in Dresden. Malerei der Zwanziger Jahre von Dix bis Querner: Sachlich zwischen links und rechts

Kokoschka war auch da. Kaum von seinen schweren Kriegsverletzungen halbwegs genesen und nach wie vor traumatisiert von der Front am Isonzo, hatte sich das ehemalige Wiener Enfant Terrible – voller Panik nochmals eingezogen zu werden – 1916 über Berlin nach Dresden begeben, hoffte bleiben zu können, um möglicherweise irgendwann an der als liberal geltenden Kunstakademie eine Professur zu bekleiden. 1919 schließlich sollte es klappen mit der Anstellung und wenn der Meister mit der Korrektur des Abendaktes an der Reihe war, geriet dies zur Attraktion, die im fremden Idiom vorgetragenen Schimpfkanonade zum Gaudium des zahlreich erschienenen Publikums. Während Kokoschka an der Elbe zu einem neuen Farbauftrag fand, bei dem die Farben direkt auf der Leinwand gemischt wurden und angedickt mit Feigenmilch eine bewegte Struktur bekamen, formierte sich unter den Studierenden des Hauses eine Gruppe von ebenfalls aus den Greueln des Krieges Heimgekehrten, die nach all dem Erlebten eine Unmöglichkeit sahen, so weiter zu arbeiten, wie bisher. Der Expressionismus, unter anderen in Dresden 1905 mit der Brücke auf den Weg gebracht, war tot und Dada schien nur kurzfristig eine befriedigende Lösung für die progressiv politisch engagierten jungen Männer zu sein. Einer von ihnen, Otto Dix, meinte später, man hätte „die Sache ganz nahe sehen wollen, beinahe ohne Kunst“ und was da im Malsaal der Akademie von Dix und Kollegen wie Otto Griebel oder Conrad Felixmüller entstand, war zynisch bis schockierend und es war vor allen von einer nahezu altmeisterlichen Feinmalerei. Das Wahre war längst nicht mehr das Schöne, es war die alltägliche Realität von Hunger, Arbeitslosigkeit und käuflicher Liebe. In Dresden war man vielleicht am politischsten, doch die Tendenz zu diesem den Nerv der Zeit bloß legenden Realismus konnte man zwischen 1918 und 1933 in Zentren wie Berlin, München, Köln, Hannover und Karlsruhe ausmachen. Mit „Neue Sachlichkeit“ hatte Gustav Hartlaub 1925 für eine Ausstellung in Mannheim einen Begriff gefunden, der trotz einer Differenzierung in die zeitkritischen „Veristen“, den eher klassizistischen, sogenannten „rechten Flügel“ und dem später hinzugefügten „magischen Realismus“, längst nicht alle Positionen umfassen konnte. Dass Dresden eine wichtige Rolle bei derlei Tendenzen spielte war unbestritten, doch war eine wissenschaftliche Aufarbeitung erst nach der deutschen Wiedervereinigung möglich. Dies ist nun unter der Kuratorenschaft von Birgit Dalbajewa in einer grundlegenden Ausstellung, samt begleitender Publikation geschehen. Möglicherweise war eben dies der fehlende Teil für eine umfassende Darstellung des Phänomenen „Neue Sachlichkeit“, das wohl eher ein Lebensgefühl, eine Geisteshaltung widerspiegelt, denn ein Stilmerkmal. Und hier offenbart sich auch das Dilemma. Denn trotz Dix und Konsorten, denen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Kunst als Broterwerb unmöglich gemacht wurde, konnte das rechte Lager jene klare Ästhetik, die sich zudem volksnah gab, bestens für ihre Zwecke nutzen. Mindestens so gut, wie das linke Lager, die den Blick auf die Arbeiterschaft allzu gerne sah. Nach der Gründung der DDR hatte man in Dresden stets weiter gesammelt, hier wurde neue Sachlichkeit als sozialistischer Realismus weitergeführt. Mag sein, dass die eine oder andere der rund 80 gezeigten künstlerischen Positionen durch die eingehende Aufarbeitung nun für den Markt interessant wird, die wissenschaftliche Arbeit hingegen, ist von unermesslichen Wert für das Gesamtbild der Neuen Sachlichkeit in Deutschland.
Neue Sachlichkeit in Dresden. Malerei der Zwanziger Jahre von Dix bis Querner
01.10.2011 - 08.01.2012

Staatliche Kunstsammlungen Dresden
01067 Dresden, Taschenberg 2
Tel: +49 - (0)351 - 49 14 2000, Fax: +49 - (0)351 - 49 14 2001
Email: info@skd-dresden.de
http://www.skd.museum/
Öffnungszeiten: Mo - Fr 08.00 - 18.00, Sa, So 10.00 - 18.00


Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Neue Sachlichkeit-proletarisch-revolutionäre Kunst
Dr.Waltraut Schumann | 06.11.2011 08:21 | antworten
Ohne die Ausstellung gesehen zu haben - leider, geografisch zu weit weg - möchte ich sagen, die Herbeischaffung vieler Leihgaben war so erst nach der Wende möglich. Richtig ist, daß diese Kunst nicht nur ein Schwerpunkt in der Sammlungstätigkeit der Gemäldegalerie Neue Meister gewesen ist,(und auch bleiben sollte), darüber hinaus aber auch ein Schwerpunkt in der Darbietung. Ihr stand ein großer Saal zur Verfügung. Die Grundlage - nach eigenem Verständnis - für eine wissenschaftliche Aufarbeitung nicht nur der bildenden Kunst sondern der künstlerischen Äußerungen der Zeit insgesamt wurde 1980 gelegt mit der Ausstellung "Kunst im Aufbruch, Dresden 1918-1933" siehe hierzu meinen Blog unter meinem Namen, Waltraut Schumann .Der Katalog ist heute antiquarisch für 40 bis 45 Euro erhältlich. Mein Blog "virtuelle Galerie Gemäldegalerie Neue Meister Dresden" enthält zahlreiche damalige Pressestimmen . Mein Wunsch an die Ausstellungsmacher, räumt dieser Kunst wieder zusammenhängenden, ausreichenden Platz in der Dauerausstellung ein in einer konstruktiven,aussagefähigen Darbietung. Dr.Waltraut Schumann, Kustodin i.R.

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: