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Lucian Freud 1922 – 2011

„Er hält es mit mir aus, weil ich gewöhnlich bin“, heißt es im Londoner Sensationsstück des Jahres 1956, in John Osbornes „Look Back in Anger“, auf deutsch „Blick zurück im Zorn“. Cliff sagt das, der Kumpel von Jimmy Porter, dessen verzweifeltes Wüten gegen alle, die ihn umgeben, gegen die Langeweile des britischen Sonntags und gegen die Klassengesellschaft insgesamt die Handlung bestimmt. „Look Back in Anger“ liefert die Desillusionierung zur Freude an der Illusion, in der sich die Pop Art gefällt, die in eben diesen Jahr, paradigmatisch in Richard Hamiltons griffiger Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“vorgeführt, zum Take Off ansetzt. Das Gewöhnliche allerdings ist ihnen, den Aggressiven und den Affirmativen, gemein. Das Gewöhnliche, „Common“, hält gerade auch Einzug in die Malerei. In diesem Sinn wirft Lucian Freud „Girl with a Dog“ auf die Leinwand, es ist ein Porträt weniger eines Mädchens als seiner ersten Frau Kitty, einen Hund am Schoß, einen gelben Morgenmantel um und vor allem eine blanke Brust vorzeigend, der man durchaus ansieht, dass vor kurzem ein Säugling daran hing. 1951 hat Freud das Gemälde in Angriff genommen, es war das Jahr, in dem „Angry Young Men“ erschien, eine Studie über den Verlust sozialistischer Hoffnungen. Der Titel des Buches wiederum wurde zum Slogan, den man der Ästhetik und ihren Vertretern, wie sie damals kursierten, insgesamt verpasste. Osborne war der Paradevertreter dieser wütenden jungen Männer, die es eher anti-urban meinten, ein wenig verstockt und vor allem, auf der Bühne ebenso wie auf den Leinwänden von Kino und Malerei, sehr irden. Verhaftetheit ins Gegebene ist das Thema. Es ist Motiv, Sujet, Ikonografie einer Gruppe von Künstlern in London. John Deakin hat sie alle fotografiert, die Cliquen von Soho, das bisweilen Räudige ihrer Existenz und die vor allem durch Alkohol stets lauernde Asozialität. Francis Bacon, Frank Auerbach, Leon Kossoff oder eben Freud arbeiten figurativ, bevorzugt auch als Porträtisten, doch ist es eine autonome, aus den Möglichkeiten von Material und Medium heraus präparierte Qualität, die sich gegen die Bildnishaftigkeit wiederum stellt. Die Farbe verlangt ihren Eigenwert, und in Konkurrenz dazu beansprucht dies auch das Gesicht - es ist ein Effekt das Anziehens und Abstoßens, in dem Malmittel und Motiv einander gegenüberstehen. Das Gemälde wird zu einer Art Metapher für die unermüdlichen Versuche und das unermüdliche Scheitern, sich zu befreien aus den Zwängen der Umstände. Lucian Freud ist dabei Realist geblieben. Und so wurde er in seiner langen Karriere zum Bildnismaler schlechthin einer Zeit, der die Figur und mit ihm die Gestalt, der sie verpflichtet ist, im Grund nichts mehr gilt. Das Beste, was Freud tun konnte, war das Erbe der Fünfziger weiter zu pflegen und die Stichworte des Jahrzehnts, die Hinfälligkeit, die Geworfenheit und der Drastik der Ausgesetztheit ins Allgemein-Menschliche zu übersetzen. In die Gesichter, in die Antlitze seiner Menschen und in ihre Körper ist hineingetragen, wie es aussieht, wäre einem die Haut abgezogen: Es sieht nach Farbe aus. Mit einer solchen Strategie ausgestattet, konnte Freud dann auch die Queen malen, Kate Moss und immer wieder das Leben der Boheme. Das Gewöhnliche fand eine Pore, aus der es dringen konnte, bei wem auch immer. 1922 in Berlin geboren, kam Freud 1933 als Emigrant nach London. Er war ein Enkel des großen Sigmund, Sohn von dessen Letztgeborenem Ernst. 1923 hatte sich der Vater der Analyse seiner ersten Krebsoperation am Rachen unterziehen müssen, er brauchte eine Prothese, und das schöne Leben war ihm vergällt. Immerhin sprossen gerade in diesen Monaten die Enkel. „So gibt es Wachstum und Verfall in der Familie wie bei den Pflanzen“, schrieb er damals an seinen Neffen Samuel, „ein Vergleich, den Du beim alten Homer finden kannst.“ Der Mut kam zurück. Auch in der Verfallenheit findet man Trost.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
L F
martina baumung-hirsch | 30.07.2011 01:03 | antworten
Lieber Rainer, Deinen Beitrag kann ich heute gut lesen, will nicht sagen, dass er mir direkt "gut tut". Aber die Melancholie, die ich darin lese/spüre ist irgendwie angemessen heute. Der Tod, der unvergleichlichen Amy Winehouse geht mir durch den Kopf. Meinst Du, die beiden können im Jenseits etwas miteinander anfangen? Nicht eben qualifizierte, aber herzliche Grüße sendet Dir Deine Nachbarin Martina

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