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54. Biennale von Venedig - Markus Schinwald: Gesamtkunstwerk der Identitätsanalyse

Der direkte Einblick und Eingang in den österreichischen Pavillon ist verstellt, nur ein Spalt in der davor gesetzten Wand gewährt Einsicht. Ein methodisches Prinzip, das Markus Schinwald in seinen architektonischen, installativen Eingriffen, malerischen wie filmischen Momenten im Pavillon in übereinstimmender und überzeugender Ästhetik konsequent zum tiefsinnigen Punkt führt. Offensichtliche Umwege und Abwege vom Herkömmlichen, Irritationen in jeder Hinsicht, allerdings Einsicht und Durchsicht durch Unterwanderung konventioneller Prämissen und Hierarchien sind die bestimmenden Faktoren. Sie determinieren Schinwalds Kontext der Wahrnehmung von Kunst, Architektur und menschlichem Sein und definieren den Pavillon in andersartiger Gesetzmäßigkeit zu einer komplexen Gesamtheit. Schinwald hat die erhabene Herrlichkeit des historischen Baus auch im Inneren feinsinnig und sensibel gebrochen: Die Eintretenden werden von einem Labyrinth aufgenommen, dessen klare, weiße Wände von oben herabhängen. Blick und Wege sind bis zur Körpermitte verstellt, doch darunter ist der Freiraum deutlich gegenwärtig und spürbar. Durch ein Beugen gewährt man auch visuell den ganzen Raum und die Beine der sich aufhaltenden Personen – eine belustigende Veränderung der Situation und theoretische Versinnbildlichung einer Unterwanderung der von oben determinierenden Struktur. Der gesamte Pavillon wird von einer sphärisch anmutenden Klangwelt durchdrungen, die von den Videos an den Endpunkten der beiden Seitenflügel des Pavillons ausgeht und eine sogartige Wirkung ausübt. Die BesucherInnen werden auf Umwegen über architektonische Einschnitte und Brüche geführt, die unerwartete Durchblicke und Freiblicke auf beirrende malerische und skulpturale Momente schaffen. Aus Tischbeinen komponierte Skulpturen sind ihrem ursprünglichen Sinn entfremdet objekthaft an den Wänden angebracht. Assoziativ verlebendigt schmiegen oder klammern sie sich vereinzelt in der Höhe an eine Kante, hängen an einer Stange oder bandagiert an einem Haken. Sie stellen eine formale wie inhaltliche Analogie zu den Eingriffen an den Bildnissen aus dem 19. Jahrhundert dar: Schinwald hat die Porträtierten durch Retouchen mit Konstruktionen aus Leinen, Ketten oder Leder versehen, die sich um Kopf- oder Gesichtsteile legen. Es sind Eingriffe, von ihm als Prothesen bezeichnet, welche die physische Sinneswelt der Porträtierten beeinträchtigen oder auch stimulieren, in jedem Fall aber die BetrachterIn irritieren. Psychologische Innenwelten scheinen rätselhaft an die Oberfläche geführt, verursachen zunächst Verunsicherung, doch wird das anfängliche Unbehagen durch jene Ironie, die sich bei näherer Erwägung offenbart, zu gelassener doppelsinniger Aufmerksamkeit aufgehoben. Derselbe Prozess vollzieht sich in der Anschauung der Videoarbeiten, die den Schlussakkord des Parcours bilden. Die pathetische, kathedralische Stimmung, die den gesamten Pavillon beherrscht, hat ihre Grundlage in den orgelartigen Klängen und dem stille Aufmerksamkeit auslösenden Stimmengewirr, welches ohne unmittelbaren Zusammenhang die Videos begleitet. Eine männliche und eine weibliche Stimme rezitieren abwechselnd prosaische Texte, die nur als teilweise Passagen verständlich sind. Das Fragmentarische kennzeichnet auch das Visuelle der filmischen Arbeit: Schinwald wählte eine verfallende Brauerei als Schauplatz. Die ausschnitthaften Aufnahmen der ruinösen leeren Räumlichkeiten heben die kühle Klarheit der architektonischen Formen wie das Bruchstückhafte der in Spuren erfahrbaren Geschichte der Szenerie. Abgründe sind zugleich Durchblicke, Stufen und Wandöffnungen präzise aussagekräftige Bestandteile. Es ist die kongruente Bühne für das Agieren einzelner oder mehrerer Protagonisten, das filmische Segmente ohne zeitliche Abfolge darstellt, Phrasen eines emotionalen Diskurses. Die abstrakte Choreographie, die stillen artifiziellen Gesten und Bewegungen gleichen Ritualen, die als metaphorische Momente die Themen von Autonomie und Befindlichkeit, irrationalen Tiefen des individuellen und kollektiven Seins, Körperlichkeit und Sexualität umkreisen, deckungsgleich zum akustisch vernehmbaren Inhalt. Beklemmende Momente stellen sich ein, werden aber in subtiler Zweideutigkeit und Ästhetik relativiert, unterwandert und aufgelöst. Markus Schinwald hat Josef Hoffmanns Pavillon zu einem immersiven künstlichen Kosmos gestaltet, in welchem irritierende und stimulierende Faktoren zu einer feinsinnigen Gesamtheit verwoben werden, die sich rätselhaft und doch präzis und mit hoher Ästhetik artikuliert. Das Erlebnis changiert zwischen Verunsicherung und subversivem Amüsement, Pathos und Ironie dringen ineinander ein. Der junge Künstler hat in den venezianischen Giardini ein sehr anregendes Gesamtwerk geschaffen und damit, wenn schon nicht - wie Kulturministerin Claudia Schmied selbst ansprach - die österreichische Identität definiert, dann zumindest nicht ganz daran vorbeigeschossen und einige Facetten künstlerisch überzeugend versinnbildlicht.
54. Biennale von Venedig - Markus Schinwald
04.06 - 27.11.2011

Österreichischer Pavillon - La Biennale di Venezia
30122 Venezia, Giardini della Biennale
https://www.biennalekneblscheirl.at
Öffnungszeiten: täglich 11 - 19 h, Fr, Sa bis 20 h,
Montag geschlossen außer 25/07, 15/08, 5/09, 19/09, 31/10, 21/11


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