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Zahlen und ihre Magie

Niels Bohr, der bedeutende Naturwissenschaftler, hatte, so will es die Anekdote, über der Tür seines Ferienhauses ein Hufeisen hängen. Ein Besucher fragte ihn, wie das denn zusammenpasse, ein Forscher seines Formats, der mit den Atomen auf Du und Du verkehre, und die Abgründe finsterster Geisterbeschwörung mit einem Abwehrzauber an der Schwelle. \"Ich glaube selbst nicht daran\", soll Bohr zur Antwort gegeben hoffen, \"aber ich habe mir sagen lassen, es hilft trotzdem\". Der Kunstbetrieb, zumal in seiner Wiener Version, das Mustergelände moderner Ausdifferenzierung, Hort der Ratio und Speerspitze der Aufklärung, übt sich im Moment in einer ähnlichen Gesinnung. Der Saisonbeginn steht an, eine fixe Gegebenheit im steten Wandel hin zum ästhetisch-politisch-sozialen Fortschritt, und alle, alle eröffnen sie an einem einzigen Abend. Nun gab es immer schon ein gewisses Gedränge mit den Vernissagen-Terminen, doch so eindeutig war es noch nie. Je zeitgenössischer sie sind und je avancierter, um so deutlicher rücken sie, die Secession, und die Generali Foundation und die BAWAG Foundation und die Schleifmühl- und die Eschenbachgasse und wie sie alle heissen, zusammen, als suchten sie ausgerechnet so etwas wie Nestwärme. Alle eröffnen sie am 12. September. Will man am Ende beschwören, über den ominösen elften September, den Nine-Eleven, gekommen zu sein? Keiner, so wirklich keiner mag an eben diesem Mittwoch zur Party laden (zu den ansonsten obligatorischen Previews samt Dinner wissen wir nichts zu sagen, aber sollte sich diesbezüglich etwas ergeben , tragen wir es gerne nach). Und am Tag nach dem Vernissagen-Überdrüber ist, für die Freunde sozusagen konventioneller Irrationalität, dann Freitag, der 13.! Die Deutschen haben den 9.11. als ihren Schicksalstag. Dass sich an diesem Datum soviel tat, hat bisweilen Logik, denn nach dem ersten 9.11., dem Tag der demokratischen Revolution 1918, ließen die Nazis jenen von 1923, den Hitler-Putsch, und von 1938, die sogenannte \"Reichskristallnacht\", folgen. Dass sich anno 1989 dann die Mauer öffnete, schuldet sich wiederum dem Zufall. Der 9.11. also. Und dann der 11.9.! Wenn das kein Grund zum Spekulieren und Fabulieren und Phantasieren ist. Warten wir also ab, ob der Bösewicht mit seinem Bart wieder zuschlägt. Oder zumindest ein paar Scherzbolde, denen vielleicht nur die Hormone durchgehen. Zeit haben wir ja an diesem Mittwoch, dem 11. September. Und sollte sich nachher wider Erwarten die Erde weiter drehen und sollten wir auch noch den Eröffnungstrubel überstehen, dann lassen wir unser Ausstellungsinstitut zugesperrt und hängen ein Schild an die Tür: \"GANZ ERSCHÖPFT. MIT DEN KRÄFTEN AM ENDE. LEBENSBATTERIEN LEER. BIN LADEN.\"

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