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Theo Altenberg: Das Paradies Experiment. Die Utopie der freien Sexualität. Kommune Friedrichshof 1973-1978: Die Frau mit der Kette

Vor genau zwanzig Jahren wurde die documenta 7 gegeben. Der Verfasser dieser Zeilen hatte in ihr sein erstes großes Kunsterlebnis. Und nicht nur das. Der Zufall wollte es, dass er in ein Lokal geriet, in dem seltsame Leute, der Verfasser dieser Zeilen hielt sie für Künstler, seltsame Auftritte hinlegten. Eine Frau tat sich dabei besonders hervor. Sie trug eine Kette um den Hals, an der zwei Kartoffeln eine Karotte dergestalt in ihre Mitte genommen hatten, dass das Arrangement sehr phallisch daherkam. Die Frau forderte die Anwesenden auf, doch aus sich herauszugehen und von sich, der Liebe und dem Sex zu erzählen. Die Aufforderung gerierte sich ziemlich appellativ, und der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich genau, wie unbehaglich ihm zumute war, als er nach zwei Stunden noch immer nicht das Wort ergriffen hatte. Irgendwann sagte er was, es hörte sich wohl sehr bayrisch an, und man ließ ihn fortan in Ruhe. Heute weiß er, dass er auf der documenta 7 auch sein erstes Kommunenerlebnis hatte, denn die munter-monströse Truppe war eine Abteilung aus dem Friedrichshof, die damals Beuys seine 7.000 Eichen pflanzen half. Auf den Fotos, die Theo Altenberg momentan in der Galerie Steinek zeigt, vermeint der Verfasser dieser Zeilen sogar die Frau zu erkennen, die ihm seinerzeit soviel Angst eingejagt hatte. Doch vielleicht liegt es daran, dass alle sich sehr ähnlich sahen, mit ihren kurzen Haaren, ihren wenig bis keinen Kleidern und ihrer sorgsam vorgeführten Gemütsruhe, die sich von der Trübsinnigkeit des Gemeinschaftsgeistes und der Überzeugung, der Welt vorauszusein, nährte. Altenberg war 1973 zu Otto Mühl und seinen Kommunarden gestoßen und war bis zum bitteren Ende 1990 so etwas wie der Öffentlichkeitsarbeiter der zeitweise 600 Menschen starken Pseudo-Ethnie. Seine Fotos halten fest, was Charme und Scharlatanerie ausmachten: Das Miteinander zum einen, beim Renovieren des Friedrichshofes etwa, das an Peter Weirs berückende Bilder von den Amish People erinnert. Das Zwanghafte zum anderen, das vor allem in den allabendlichen Expressionsritualen namens \"Selbstdarstellung\" sein Unwesen trieb. Einen kleinen Ausschnitt daraus hatte der Verfasser dieser Zeilen im Jahr 1982 kennengelernt. Er lebt bis heute nach dem bourgeoisen Prinzip der Zweierbeziehung.
Theo Altenberg: Das Paradies Experiment. Die Utopie der freien Sexualität. Kommune Friedrichshof 1973-1978
13 - 27.09.2002

Kunsthandel Steinek
1010 Wien, Elisabethstraße 24
Tel: +43 1 512 87 59, Fax: +43 1 512 87 59
Email: galerie@steinek.at
http://www.galerie.steinek.at
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Sa 11-17


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