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Szenen einer Flut

Im Saal der Monumentalformate des Louvre hängt neben all den Gemälden Davids ein Bild von Girodet, das unter dem Titel \"une scène du déluge\" firmiert. Dieses Etikett ist falsch, und es ist falsch seit 200 Jahren. Der Meister selbst hatte es gleich klarstellen wollen: Es müsse \"une scène de déluge\" heissen. Doch es half nichts. Man wollte eine Szene aus \"der Flut\", der biblischen, der menschheitlichen, der Sintflut darin sehen und nicht, wie Girodet es beabsichtigt hatte, eine Episode aus \"einer Flut\". Dieses Missverständnis markiert ein Stück Moderne: Erstens setzt sich eine anonyme, natürliche Gewalt anstelle der ominösen, göttlichen, und zweitens wollen dies manche nicht wahrhaben. Noch heute glaubt man kleinformatig, dass ein solches Hochwasser wie das jetzige ohne Vorsilben wie \"Jahrtausend\" oder ohne Metaphern wie \"Rache\" unzureichend erfasst wäre. Schnell und unbürokratisch, wie das so schön heißt, ließ sich das Fernsehen die diversesten Aufrufe zu Spendenaktionen angedeihen. Besondere Strassenfeger dabei sind die Charity Shows. Wie das geht, zeigt beispielhaft die ARD. So gab es am Freitag eine \"Benefizgala für die Opfer der Jahrhundertflut\" mit dem Titel \"Die Hoffnung stirbt zuletzt\". Am Samstag bot man, ohne Hilfsangebot, zur absolut gleichen Sendezeit und mit ungefähr den gleichen Beteiligten, wieder Abendgestaltung vom Feinsten. Titel diesmal: \"Die Patrick-Lindner-Show\". Ursprünglich hatte sie anders geheissen: \"Wenn das kein Grund zum Feiern ist\". Schwerwiegende Pietätsgründe veranlassten die Programmverantwortlichen dann offenbar, diesen Titel baden gehen zu lassen. Doch wie ließ Barde Patrick gleich zur Eröffnung seiner Show verlauten: \"Denn der nächste Grund zum Feiern liegt gleich hinterm Horizont\". Wir lassen uns eben das Sinken nicht verbieten. Das prominenteste Denkmal für Schaden und Chancen durch Hochwasser ist wohl der Kruzifix von Cimabue, der 1966 den Höchstständen des Arno ausgesetzt war. Heute hängt er wieder in Santa Croce und gilt als Paradefall einer aufgeklärten, reflektierten, Geschichte als Folge von Brüchen akzeptierenden Restaurierung. Die \"strateggio\"-Technik glättet die Fehlstellen, die der Dreck reichlich hinterlassen hat, nicht, sondern belässt sie in ihrer auffallenden Schorfigkeit. Sämtliche Farben, die sich auf Cimabues Werk finden, werden dabei in Strichelmanier ganz eng nebeneinander gesetzt, es ergibt sich ein schillernder, aber abstrakter, ein homogener, aber im Duktus deutlich moderner Überzug, der die Gesamtansicht ebenso nivelliert, wie er im Detail die Wunden vorzeigt. Eine kluge Wiederherstellung, die Geld kostet und Geduld, hat der Katastrophe eine Qualität abgetrotzt. Die Sammlung Essl, so hören wir, ist am Donaustrand mit dem Schrecken davongekommen. Nicht auszudenken, wenn der Schlamm über die Bestände gefahren wäre, wenn er Nitsch getroffen hätte, Rainer oder gar Baselitz und Lüpertz. Die Gemälde würden jetzt aussehen, als stammten sie allesamt von Sigmar Polke.

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