Werbung
,

Dennis Oppenheim 1938 - 2011

„Wenn die Spur - Urphänomen des 'Gedächtnisses', welche vor dem Gegensatz zwischen Natur und Kultur, Animalität und Humanität gedacht werden muß - zur Bewegung der Bedeutung selbst gehört, so ist sie a priori eine geschriebene Spur [...] Diese Spur, Urschrift, ursprüngliche Möglichkeit des gesprochenen Worts, dann der 'Schrift' im engeren Sinn [...] ist die Eröffnung der ursprünglichen Äußerlichkeit schlechthin, das rätselhafte Verhältnis des Lebendigen zu seinem Anderen und eines Innen zu einem Außen: ist die Verräumlichung.“ Jacques Derrida hat das geschrieben, 1967, in seiner Initialschrift über die Grammatologie. Natürlich hat das kein Mensch verstanden, und das war womöglich auch die Absicht. Doch dann gab es ja noch die Kunst. Eine Spur drückt also Dennis Oppenheim ein Jahr später in Gestalt seiner „Time Line“ ab: Auf einem zugefrorenen, verschneiten See zieht er mit dem Schlitten jene Grenze nach, die die USA von Kanada trennt - die räumliche Markierung verweist zugleich auf eine temporale, denn die beiden Länder leben in verschiedenen Zeitzonen. Die inverse Situation, was heißt, nicht der Natur eine Spur aufzuprägen, sondern sie sich von der Natur im Gegenzug aufprägen zu lassen, arrangiert Oppenheim 1970 mit seiner „Reading Position for Second Degree Burning“: Der Künstler liegt in der Sonne, ein aufgeschlagenes Buch - es ist eine Abhandlung über Taktiken der Kavallerie - auf der Brust, und lässt sich fotografieren; eine zweite Fotografie zeigt ihn mit der anvisierten Verbrennung zweiten Grades, einem Sonnenbrand, vor dem die Brust bewahrt ist, weil sie vom Buch bedeckt war. So ergeben sich ganz selbstverständlich und unprätentiös jene Schriften und Inschriften, die Zeichen hinterlassen, ohne dabei als Buchstaben weltumspannenden Sinn oder, wie Derrida zu sagen pflegte, ein „transzendentales Signifikat“ zu behaupten. Dennis Oppenheim, geboren 1938 im Staate Washington, ist so etwas wie ein Diskursproduzent gewesen. Oder, wie man das in den späteren 60ern nannte, ein Conceptual Artist. Einer wie Robert Smithson oder Lawrence Weiner, wie Dan Graham, Vito Acconci oder Bruce Nauman, und besonders mit den letzten Dreien hat er auch eine genuine Chronologie seines Werkes gemeinsam: Es begann mit Sprache, ging über den Körper zu erfahrungsintensiven Installationen, die von der Beschäftigung mit Architektur abgelöst wurden, um bei einem Phänomen zu landen, das als Kunst im öffentlichen Raum mittlerweile zu wohlfeilen Anlässen für Reden von Landeshauptleuten geworden ist. Es war Oppenheim in den letzten Jahren gar vergönnt, gewisse Entrüstung hervorzurufen; man kann eine solche Entrüstung allerdings auch Reviermarkierung nennen. Präsenz, Konkretizität, Verkörperung waren die Rezepte dieser Kunst. Am letzten Wochenende ist Dennis Oppenheim in seinem 73. Lebensjahr verstorben, ein Veteran einer nicht mehr gattungskonformen, durch und durch demokratischen Kunst. Geben wir ihm selber das Wort, eine Erinnerung an die Anfänge und eine Zusammenfassung seiner, man könnte sagen: orthodoxen, Conceptual Art: „Alle saßen wir damals an einem großen Tisch und spielten Karten. Wir spielten aber sehr zurückhaltend, konservativ. Bestimmte Grenzen wollten wir nicht überschreiten, wir wollten eine bestimmte Signatur, eine Wiedererkennbarkeit behalten und mussten uns deswegen wiederholen. Alle begannen wir mit den gleichen Ideen und wollten doch in unserer Verschiedenheit identifizierbar sein. Es dauerte, bis man den Widerspruch akzeptierte.“

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: