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Sechs Gründe, warum Sie sich als Kultur-Tourist wieder einmal völlig falsch verhalten

1. Sie nehmen prinzipiell den falschen Eingang in die Stadt. Goethe betrat Rom an der Piazza del Popolo. Sind Sie Goethe? Und Rom wurde von der päpstlichen Herrschaft durch die Porta Pia befreit. Sie aber kommen über die Autobahn. In Venedig langt man per Schiff an, und das mitten im Zentrum. Nicht per Eisenbahn oder PKW über die Piazzale Roma wie Sie. Und auch nicht per Flugzeug: eben nicht von hinten. Der erste Schritt, den man in der Stadt setzt, sollte sofort der Piazzetta gelten. Also kommen Sie am besten mit dem Schiff von Punta Sabbioni, zusammen mit Ihren Kollegen aus Jesolo, Bibione und Caorle. 2. Sie sehen von den Städten bevorzugt das häßlichste Gebäude. In Paris grüßt Sie von Weitem und von Nahem und von Dazwischen Sacre-Coeur. In Wien freuen Sie sich schon auf den tausendsten Blick auf das von Hundertwasser so unnachahmlich gestaltete Spittelauer Kraftwerk. Und in Prag nimmt Sie das Hotel Intercontinental in die Arme. 3. Sie sind Fusssoldaten, und Ihr natürlicher Feind ist die Zivilbevölkerung. Sie besuchen mit Vorliebe am Samstag Vormittag den Wiener Naschmarkt, denn zu dieser Zeit decken sich hier die Einheimischen fürs Wochenende ein. In München frequentieren Sie zuhauf den Augustiner-Biergarten, Sie könnten auch zum Löwenbräu gehen, denn Sie würden genausogut dessen Bier trinken, da Sie den Unterschied sowieso nicht bemerken. Aber nein, Sie rennen zum Augustiner. 4. Wenn Sie sich Kunst anschauen, dann stehen Sie von vornherein vor den falschen Dingen. Dass Sie sich für die Mona Lisa interessieren, ist gut, schließlich sind Sie größer als die Japaner. Anschließend gehen Sie ins Musée d\Orsay und fahren auch gleich in den dritten Stock, dorthin, wo die Impressionisten sind. Natürlich gehen Sie an Manets \"Frühstück im Grünen\" und an Whistlers Porträt seiner Mutter vorbei. Sie wollen ja zu Monet und van Gogh. Kleiner Tip: Es gibt auch noch jede Menge Renoirs und Gauguins. 5. An den wirklichen Highlights laufen Sie sowieso vorbei. In Florenz rennen Sie sich die Hacken auf dem Ponte Vecchio ab. Haben Sie sich schon mal die Mühe gemacht, von dieser Anreihung mittelalterlicher Würstelstände aus die Nachbarbrücke, Michelangelos Ponte Santa Trinità, in Augenschein zu nehmen? Und in Wien, wenn Sie schon mal da sind, kaufen Sie für hundert Dollar zehn Deka Sachertorte, dass es im Imperial auch Backwerk gibt, hat ihnen der Fiaker verschwiegen. 6. Meistens wissen Sie überhaupt nicht, an welchem Ort Sie sich gerade befinden. Sie schmeissen Ihren Schotter in irgendwelche Wasserbehälter, in den seltensten Fällen handelt es sich dabei um den Trevi-Brunnen. Es gab einmal einen schönen Film über Leute wie Sie, der hatte den Titel \"If it\s tuesday, this must be Belgium\". Das schönste an den Orten, die Sie besuchen, ist allemal McDonalds. Und überhaupt gilt für Sie: Kapunsn? Lipnausers? No Gondolieres!

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