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Bobo und seine Bande

Am 11. September 2001 begann das neue Jahrtausend. Doch wir wollen hier nicht millenaristisch werden. Lassen Sie uns lieber ein wenig in Dekadenlogik abschweifen und von den Neunzigern reden, die wir ebenfalls gerade hinter uns gelassen haben. Denn immerhin begann mit dem neuen Jahrtausend ja auch ein neues Jahrzehnt. Die niedlichen Nineties, das war die Zeit von Bobo und seiner Bande, den Bobos. Der amerikanische Publizist David Brooks ist momentan in vieler Munde, denn er hat die Bobos erfunden. \"Bobos in paradise\" heisst das Werk, das sie nun für alle identifiziert. Das Paradies, das war jene Phase einer speziellen, nun ja, Freiheit, in der man sich am Ende einer Geschichte jenseits kapitalistischen Wirtschaftens angekommen sah, in der Globalisierung sich noch auf Emanzipierung reimte und die Welt insgesamt auf die beste aller möglichen zusteuerte. Und die Bobos, das waren die Adams und Evas darin, die unschuldigen Menschentiere, die auf den Namen \"bourgeois bohemiens\" hörten. Es waren die Kinder von Marx und Coca-Cola, die so voll waren mit Ideen von der Gleichberechtigung wie ihre Portemonnaies mit Geld aus der kreativen Buchhaltung. Die Bobos, so erklärt Jan Ross es im aktuellen \"Merkur\", hatten ihre Galionsfigur in Bill Clinton. \"Gewiss der überragende Politiker seiner Generation und vielleicht der begabteste amerikanische Nachkriegspräsident\", schreibt Ross, und doch auch jener, der \"aus seiner Zeit und seinen Fähigkeiten nicht das Rechte gemacht hat.\" Clinton ist auch die Galionsfigur jener gutgemeinten Verlogenheit, die die Zigarettenindustrie den Amerikanern Milliarden an Entschädigung zahlen lässt, die aber genau weiss, dass sie bei den Chinesen sogleich Billionen verdienen wird. Jenes gewissenreinen Wörtlichnehmens, unter deren Ägide man zwar, wie Clinton, Marihuana raucht, aber nicht inhaliert, wo man Sex hat, aber nicht penetriert, und wo man Krieg führt, aber nur aus der Luft. Und wo man, wie bei den im Kunstbetrieb so beliebten Symposien, auf Politik macht. Auf Politik, aber ohne Opposition, auf Gesellschaftsveränderung, aber ohne Widerspruch, auf Militanz, aber ohne das martialische Gehabe der Neonazis. Jan Ross konstatiert bei den Bobos den \"Ausdruck einer begreiflichen, aber unverkennbaren Halbheit\". Bohemienhaft eben, und bourgeois.

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