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1962

Vor einigen Jahren hat Hans Ulrich Gumbrecht ein Buch über 1926 herausgebracht. Dabei müsste man eigentlich eines über 1962 schreiben, eines, das durch die dumme Anagrammatik des Datums jetzt allerdings nur noch als Parodie erschiene. Dieses Buch über 1962 würde davon handeln, wie in eben diesem Jahr auf die erstaunlichste und vielfältigste Weise der Modernismus, als Epochensignatur natürlich, nicht als nostalgische Haltung, zu Ende ging. Und wie etwas Neues begann, das wir mangels eines besseren Begriffs mit einem seinerseits durchaus prekären „Postmoderne“ bezeichnen wollen. „1962“ ist jetzt ein Beitrag überschrieben, der sich in „October“ findet, nach wie vor das Zentralorgan der ästhetischen Diskussion zumindest derjenigen Art, wie sie sich im Kunstbetrieb ergibt. Brendan Joseph, Kunstprofessor an der Columbia University und momentan einer der rührigsten Zuträger zu besagter Diskussion (in den aktuellen „Texten zur Kunst“ gibt es einen Text von ihm zu Lee Lozano), schildert darin eine Begegnung Andy Warhols mit dem Filmemacher Emile de Antonio in eben diesem Jahr. De Antonio stellte zwei Pop-Arbeiten des Meisters einander gegenüber, eine Cola-Falsche jeweils im Close-Up, wobei die eine Version noch Spuren von Material und Medium des Gemäldes zeigte, die andere eine Paradeform dessen abgab, was im Essay eine „cold ‚no comment’ version“ genannt wird. Klar, dass Warhol sich fortan dieser coolen Version von Malerei verschrieb, beginnend eben 1962. Trailer zu "Mondo Cane" 1962 war das Jahr der ersten Beatles-Single und von Enzensbergers Diktum über die „Bewußtseinsindustrie“. Es war das Jahr, in dem der letzte Modernist, Yves Klein, starb (und womöglich, vergleiche meinen „Anthropophagie“-Beitrag, von „Mondo Cane“, Tinto Brass’ 1962er Pseudo-Dokumentation, ins Grab gebracht wurde). Es war das Jahr, da der größte Modernist, Clement Greenberg, massive Probleme mit seiner Theorie bekam, weil Frank Stellas „Shaped Canvases“ gleichzeitig so wunderbar (als Flächen) und so überhaupt nicht (als Reliefs) hineinpassten. Es war das Jahr, in dem das Gründungsbuch der Ökologiebewegung, Rachel Carsons „The Silent Spring“, erschien und ebenso Thomas S. Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“, das die langsame Erkenntnisbewegung durch den sprunghaften Paradigmenwechsel ersetzen ließ. Es war das Jahr von George Kublers „The Shape of Time“, das von der Erschöpfung der Entwicklungslogik redet, wie sie die Formen bis dato kennzeichneten – und die jetzt, wo eine leere Leinwand Malerei war oder das Husten des Publikums Musik, in der Tat zu Ende ging; vergleiche dazu auch Umberto Ecos 1962er „Das offene Kunstwerk“. 1962 war das Jahr des ersten postmodernen Wildwestfilms, John Fords „The Man Who Shot Liberty Valence“. Und es war das Jahr, in dem Jürgen Habermas seine Habilitationsschrift über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ publizierte. „Vom kulturräsonnierenden zum kulturkonsumierenden Publikum“ lautet die Überschrift zum 18. Kapitel. 1962 ist das Schlüsseljahr für unsere Gegenwart.

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