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Buchstaben-Architektur

Letzte Woche ist in Mainz die neue Synagoge eröffnet worden. Natürlich hat der Bau Ähnlichkeiten zu Entwürfen von Daniel Libeskind, und Manuel Herz, der das jüdische Zentrum entworfen hat, war auch längere Zeit Projektleiter bei Libeskind. Doch das grüne Gebirge, zackig, kristallin, aufgeworfen zu expressiver Stadtkrone, ist auch eine gebaute Schrift. Die fünf Buchstaben des hebräischen Wortes “Keduscha”, zu deutsch so etwas wie “Erhöhung”, was sich seinerseits sowohl theologisch als auch buchstäblich, also auf die pure Form bezogen, verstehen lässt, sind Architektur geworden. Damit ist Herz` Bau wohl die erste Realisierung insgesamt einer Idee, die in der Aufklärung und damit an den Rändern der Moderne überhaupt beginnt. Im Jahr 1804 schreibt Claude-Nicolas Ledoux, der Revolutionsarchitekt, von den "lettres alphabetiques", die der Kreis und das Quadrat für die Architektur abgeben: "Le cercle, le carré, voilà les lettres alphabetiques que les auteurs emploient dans la texture des meilleurs ouvrages". Vorher schon, 1773, hatte ein fränkischer Bauinspektor namens Johann David Steinbgruber seinem Landesherrn ein skurriles Stichwerk dediziert, “Architectonisches Alphabet” aus dreißig Entwürfen für Häuser, deren Grundrisse jeweils die Form eines Buchstaben aufgriffen. Natürlich blieb derlei Gefüge bloßes Gedanken-Gebäude. Das Kapitel "Ceci tuera cela" von Vicotr Hugos 1831 erschienen "Notre-Dame de Paris" (auf deutsch „Der Glöckner von Notre-Dame“) bietet eine Fülle von Beispielen auf, in denen Architektur und Sprache einander die Metaphern liefern. Die Überschrift bezieht sich auf die direkte Aussage des "archidiacre" der Kathedrale: "Ceci tuera cela, le livre tuera l'édifice". Im folgenden liefert Hugo Formulierungen en masse für seine geschichtsphilosophische These, dass seit Gutenberg der Primat der Architektur vom Primat des Buchs abgelöst worden sei: Auf die "lettres de pierre" folgen die "lettres de plomb"; Architektur und ihre Details finden sich also in Hugos Darstellung in Sprache analogisiert: "Le pilier qui est une lettre, l'arcade qui est une syllabe, la pyramide qui est un mot". Jedenfalls im Roman. Die vielleicht aufsehenergendste Umsetzung der Idee in der Gegenwart ist eine interaktive Installation. „The Legible City“, von Jeffrey Shaw um 1990 ersonnen, setzt den Besucher auf ein Fahrrad, und vor ihm zeigt eine Großbildprojektion, was sich täte, führe er in einer Stadt aus Buchstaben. Jeder Tritt in die Pedale und jede Bewegung des Lenkers verändert die Einstellung, man kann sich die urbanistische Struktur, die man virtuell durchradelt, zwischen Prototypen (New York, Amsterdam) wählen. Doch die Chose, heute zu erfahren im Karlsruher ZKM, ist eben allein Mediengebilde. Auch Liebeskind selbst hat auf die Idee zurückgegriffen und 1996 für sein Duisburger Gemeindezentrum einen Entwurf ersonnen, der auf den ersten Buchstaben der hebräischen Schrift zurückgreift, das Aleph. Seinerseits blieb er Modell. Nun die Mainzer Synagoge.

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