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Ergonomik

Eine kleine Anmerkung zum wunderbaren Kolumnen-Beitrag von Vitus Weh „Wie das Sitzen unser Denken entwirft“: Nicht auf Wien bezogen, sondern, der Leser ahnt es, auf London. Im Jahr 1963 ist ein Foto entstanden, das die Erotik der Swinging Sixties beispielhaft einfängt. Lewis Morley hat es gemacht, mit Model und Skandalnudel Christine Keeler als bildfüllendem Motiv. Es war der Höhepunkt der sogenannten Profumo-Affäre, in die ein sowjetischer Attaché, ein Arzt und einige Mädchen aus seiner Entourage, darunter Christine Keeler, und vor allem ein britischer Minister namens John Profumo, der dem Skandal den Namen gab, verwickelt waren. Die Keeler war jedenfalls prominent, und das Hauptargument dafür, dass die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam geworden ist, war ihr Körper. So ist sie also nackt in Morleys Mise-en-scène, doch was es zu sehen gäbe, wird bedeckt von der Rückenlehne des Stuhls, auf dem sie verkehrt herum sitzt. Lewis Morley: Christine Keeler Es ist der berühmte Ameisenstuhl des dänischen Entwerfers Arne Jacobsen, ein Stück International Style, das jeder kennt, wäre da nicht der Schlitz in der Lehne, der hinzugekommen ist, der eine Art Griff sein könnte und jedenfalls ein Lockmittel ist, um sich vorzustellen, man könnte durch ihn hindurch etwas von der Keeler erhaschen. Die schöne Frau und ihre Ausgezogenheit zu inszenieren, gelingt Morley ganz raffiniert, doch bezeichnender für seine Zeit und sein Milieu ist das Foto darin, wie dem Körper und dem Accessoire, wie dem Mädchen und dem Möbel eine organische Einheit verliehen wird. Es ist, als wäre die Stuhllehne dafür gemacht, den Unterleib zu bedecken, als wäre das Holz der Stoff, um Unterwäsche zu schneidern. Der Körper macht sich geschmeidig, und der Gegenstand beeilt sich, ihn im Gegenzug zu umhüllen. Wie der menschliche Leib sich seine Umgebung anverwandelt, ist jedenfalls von einer bis dahin nicht gekannten Souveränität. Enwurf und Ergonomie sind Synonyme. Am Ende der Dekade tritt dann Allen Jones auf den Plan, der Pop Artist, der 1969 mit einem besonders aparten Design einer Möbelgarnitur aufwartet: Tisch, Hutständer und Stuhl werden von lebensgroßen Puppen verkörpert, sie stellen Frauen dar, nackt bis auf einige fetischhaft drapierte Stellen dunklen Leders und in eindeutigen Posen der Unterwerfung, so dass einem auf Schenkeln ein Sitz angeboten und am Tisch bücklings aufgewartet wird, leistet man sich derlei Accessoires. In Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ findet die willfährige Weiblichkeit dann Verwendung für die Innendekoration jener Milch Bar, von der aus die von Malcolm McDowell angeführte Schlägerbande die Umgebung heimsucht, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die S/M-Aspiration ist dann vollends zur Kenntlichkeit gebracht. Mit Denken hat derlei Ergonomik nichts zu tun. Sondern mit Libertinage und Permissivität. Die Psychoanalyse hat die Sexualität entlassen.

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