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Eco

Auf seine alten Tage hat der Meister wieder in die Tasten gehämmert. „Il cimitero di Praga“ wird sein jüngster Spross heißen, der Friedhof von Prag, und wieder geht es um Verschwörung, um Religion, um Sinnstiftung und darum, dass derlei ohnedies nur das Erzählen leisten kann. Nach „Der Name der Rose“, „Das Foucault’sche Pendel“, „Die Insel des vorigen Tages“, „Baudolino“ und „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ wird es Umberto Ecos sechster Roman werden. Die vorherigen Fünf sind gerade, als wäre ihr Verfasser nicht weniger als der Begründer des Monotheismus, ein „genialer Pentateuch“ genannt worden. Umberto als Mose, so stellt es sich für ein Buch dar, das soeben erschienen ist und verspricht „Die Biographie“ des Semiotikers, Feuilletonisten, Kolumnisten, Novellisten und aufgeräumten Denkers Eco zu werden. Michael Nerlich, emeritierter Professor für Romanistik, versucht darin, mit ungeheurer Professoralität Eco vom Ruch des Professors loszuschreiben. Michael Nerlich, Umberto Eco. Die Biographie, Tübingen: Francke Verlag 2010 Auf den 340 schwer lesbaren und von Exegese überquellenden Seiten wird Eco nicht weniger als eine Apotheose zuteil: „Hoffnung für die Zukunft der Menschheit“ ließe sich aus Ecos „Engagement“ ableiten, eines Autors, der „wie kein anderer den Literatur-Nobelpreis verdiente“. Man weiß nicht, was der Meister dazu sagen würde, und sein Biograf legt auch skurrilen Wert darauf, dass er „Umberto Eco nie begegnet“ ist. Vielleicht hätte Nerlich einen Besuch ins Auge fassen sollen, und das Objekt seiner Verehrung wäre etwas menschlicher und damit etwas deskriptiver geworden. Eine Lebensbeschreibung, auch noch im bestimmten Artikel „Die Biografie“, ist das Buch auf keinen Fall. Eco bleibt eine papierene Figur, man erfährt von einer „deutschen Kunstexpertin“, mit der er seit langem verheiratet ist, und es wirkt ein wenig mysteriös. Schön anekdotisch immerhin folgendes: Ecos Großvater war ein Findelkind, er war, wie es im jesuitischen Jargon des papistischen Italien hieß, vom Himmel gefallen, Ex Caelo Oblatus, und aus den drei Anfangsbuchstaben der Sentenz ergab sich quasi automatisch der fehlende Nachname. Auch das ein wenig verschwörerisch, und was man sich schon bei der Lektüre des „Foucault’schen Pendels“ zusammen reimen konnte – gewisse autobiografische Elemente hinter dem Klandestinen -, hier wird es plausibel. Ansonsten hat das Buch, das Ecos Intellektualität und akademisches Umfeld so deutlich in den Vordergrund stellt, einen Hauptgegner: Das deutschsprachige Feuilleton, das Ecos Intellektualität und akademisches Umfeld deutlich in den Vordergrund stellt und daraus schließt, so jemand könne keine Romane. Eine Schande sei dies, angesichts der internationalen Präsenz Ecos, sagt Nerlich (und speziell Reich-Ranicki bekomt sein Fett ab). Und Nerlich macht nicht weniger als den „deutschen Anti-Aristotelismus“ dafür verantwortlich, der die Rationalität des antiken Vordenkers mit einem Gefühl „aus dem Bauch heraus“ kontere. Vor dreißig Jahren ist übrigens Ecos Erstling herausgekommen, „Il nome delle rosa“, bei Bompiani in Mailand. Nichts, sagt Nerlich, komme dem Buch in Sachen aufgeklärter, weltkluger, auf die Kraft des Denkens setzender, mit einem Wort aristotelischer Potenz gleich. Außer einem vielleicht: Der Don Quijote von Cervantes, erschienen im 17. Jahrhundert. Wohl dem, der eine solche „Biographie“ hat.

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