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Fried’s Menzel

Ein Teil der diesjährigen, von Kathrin Rhomberg verantworteten Berlin Biennale ist bemerkenswerter Weise eine Ausstellung mit Arbeiten von Adolph Menzel. Besorgt hat sie Michael Fried, der amerikanische Impresario der Theatralität, dessen 1967er Essay „Art and Objecthood“ zu den einflussreichsten und auf seine Art misslungensten Darstellungen zur Gegenwartskunst gehört. Fried selbst muss gemerkt haben, dass seine Invektiven zu Minimal auf die richtigste Weise falsch waren, und er hat sich in die Kunstgeschichte zurückgezogen. Hier können sich die Dinge gegen eine Interpretation, die deutlich Frieds Mentor Clement Greenberg verpflichtet ist, weniger wehren. Fried hat seine Doktorarbeit über Manet verfasst und daraus 1996 sein monumentales „Manet’s Modernism“ gemacht. Anschließend widmete er sich dem zweitbesten Maler des 19. Jahrhunderts, und in wunderbarer Komplementarität hat er dieses Buch „Menzel’s Realism“ genannt. Michael Fried, Menzels Realismus. Kunst und Verkörperung im Berlin des 19. Jahrhunderts, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2008 Ausgestattet mit der profundesten Unkenntnis der deutschen Sprache, hat Fried sich in dem 2002 publizierten Buch am Meister des Realismus abgearbeitet. Texte aus Menzels Land konnte er nur nutzen, wenn sich jemand auf englisch in der Paraphrase versucht hat. Doch um Erträge vorangegangener Forschung war es Fried ohnehin weniger zu tun. Einst das Kritikerwunderkind, heute Professor für „Humanities“ an der Johns Hopkins University in Baltimore, ist Fried genau jener interpretatorische Par-Force-Ritter, dem gern die Gäule durchgehen. Man wundert sich, mit welcher Chuzpe er zum Beispiels Menzels „Balkonzimmer“, die Inkunabel von dessen spezieller Modernität, für eine Geschlechterordnung zurechtzimmert, die Tür als weiblich deklariert und den Spiegel als männlich. Bis man sich erinnert, vor einiger Zeit einen Lyrikband von Fried gesehen zu haben. Der Denker als Dichter: Ein Kunsthistoriker, dem es nichts ausmacht, mit in Verse Gefasstem vorstellig zu werden, gibt auch in seinem Metier dem Poetischen den Vorzug. Hat man dies verkraftet, dann sind Frieds Vorschläge zumindest originell. Sie sind, auch wenn er dieses Wort verachtet, interessant. Michael Fried, so hat es sein Kollege Terry Smith einst auf den Punkt gebracht, träume immer davon, das ultimative Buch über Jackson Pollock zu schreiben, und in der Tat durchzieht Frieds Schrifttum der skurrile Gedanke, in den Bildern sei so etwas wie Betretbarkeit angelegt - als riefen sie dazu auf, buchstäblich, so wie seinerzeit Jack the Dripper, in ihnen herumzulaufen. Diese Eigenart hat sich Fried bei seinem 1990er Werk über Courbet mit ansehnlichem Ergebnis geleistet, bei Manet mit weniger Erfolg, und dann war der Antipode zu allen Franzosen, der Kläubler, Beckmesser, Genauigkeitsfanatiker Menzel, an der Reihe. Daher auch Frieds Leitbegriff: „Embodiment“, Verkörperlichung, benennt eine Methode, den Dingen mit Emphase und Einfühlung direkt auf den Leib zu rücken und in der Optik immer schon Haptik mitzumeinen. Dass nach Maßgabe einer solchen Körperlichkeit Menzels Pinsel stracks zu Pfeilen werden und eine liegende Gliederpuppe zum Heiligen Sebastian, ist dann zumindest konsequent. Die intellektuelle Tugend, Dinge bei allem Wissen um ihre Komplexität in der Darstellung zu vereinfachen, ist Fried nicht gegeben. Letztlich suchen sich die Themen aber immer schon ihre Verfasser: Menzels Überschuss an Kleinteiligem hat einen gewissermaßen kongenialen Beobachter gefunden. Nun tragen sie das Prädikat in die Gegenwart. Sie sind biennal. Originalausgabe: Michael Fried, Menzel’s Realism. Art and Embodiment in Nineteenth-Century Berlin, New Haven/London Yale University Press 2002

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