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Realismus

Die Hypo-Kunsthalle in München feiert 25. Geburtstag. Zum Jubiläum leistet man sich eine Schau mit dem eingängigen Titel „Realismus. Abenteuer der Wirklichkeit“ und feiert sich, den Begriff und das, was er meinen könnte, anhand von Beispielen aus den letzten 150 Jahren. Gustave Courbets manifesthaft „Pavillon du Réalisme“ überschriebene Einzelpräsentation anlässlich der Pariser Weltausstellung von 1855 steht Pate für das Konzept. Realismus ist also eine Epochenbezeichnung, sie steht beispielhaft für das Zeitalter der Ismen, in denen sich die Positionen kunterbunt gegenseitig im Weg stehen. Realismus wäre dann in erster Linie eine Sache des Motivs, und mit Courbet wird in der Tat ein Faible greifbar fürs Beiläufige, Alltägliche und Erdverbunden-Schorfige, fürs Hässliche, Überarbeitete und, seine Spezialität, fürs Misogyne. Es gibt jede Menge Fotografie in der Ausstellung. Stellt sich also die Frage, ob das Lichtbild so, wie es 1839 gleichsam vom Himmel fiel, ein Stück Realismus darstellt. Die Antwort ist nein, denn das Foto folgt keinem ikonischen Prinzip. Es ist, nach der schönen Bezeichung von Charles Sanders Peirce, ein Index, seine Beziehung zur Realität funktioniert physikalisch, und seinen Mechanismen zu folgen, hat in etwa die Logik einer Entscheidung für die Schwerkraft. Fotos sind so realistisch wie die Anthropometrien Yves Kleins oder ein Armabguss von Bruce Nauman. Die Nähe zur Wirklichkeit hat beim Foto nichts von bildnerischer Souveränität, ist kein Kalkül und ist vor allem nicht Ergebnis einer Wahl. Zur Naturgesetzlichkeit der Welt gibt es keine Alternative. Das vermutlich älteste Foto der Welt: Joseph Nicéphore Niépce, 1826 Realismus auf die letzten 150 Jahre zu verpflichten ist ohnedies zu kurz gegriffen. Zum motivischen existiert von jeher ein methodischer Realismus, und den gibt es in der Antike und dann wieder spätestens seit dem 13. Jahrhundert. Beginnend etwa mit dem Buch über die Falknerei, das der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II., wie es heißt, eigenhändig schrieb, „de arte venandi cum avibus“, ist Realismus eine Option. Bei Friedrich steht die ebenso unschuldige wie programmatische Zeile „manifestare ea quae sunt sicut sunt“. Das festhalten, was ist, wie es ist: Damit ist den Bildern auferlegt, dass sie mimetisch arbeiten und das vor allem bis ins Detail. Damit ist auch ein Gegensatz formuliert: Zum Realismus steht in Opposition nicht der Idealismus (wie es etwa Werner Hofmann in seinem „Grundlagen der modernen Kunst“ meint), sondern generell die Stilisierung. Stilisierung ins Geschönte oder ins Abgründige. Realistisch sind dann, quer durch die Epochen, die Stifterfiguren in Naumburg von 1260, stilisiert dagegen die Reimser Kathedralplastik mit ihrem verkniffenen Lächeln. Realistisch ist Riemenschneiders Heilig-Blut-Altar, stilisiert dagegen Grünewalds Isenheimer Altar in seiner forcierten Anteilnahme an der Gräßlichkeit des Leidens. Realistisch ist so gesehen Adolph Menzel, stilisiert dagegen Courbet mit seinem Tunnelblick auf die versoffenen Nasen. Und die Gegenwart? Ein Zauberwort von heute ist Stil, doch im Grunde ist das längst ein Anachronismus. Stil ist natürlich Stilisierung, ist Absehen von Realismus, ist Herstellen von Verbindlichkeit, die nur dadurch möglich ist, dass gewisse Dinge sich wiederholen, dass sie Gemeinsamkeit bestätigen durch ihre Redundanz. Mit den späten Sechzigern, man kann nicht oft genug darüber lamentieren, hat sich der Stil verabschiedet. Was eingekehrt ist seither, ist es indes nicht Realismus. Was sich nun ergibt, ist ein bis dato nicht so deutlich wahrgenommenes Drittes: die Idiosynkrasie. Die Kultur ist idiosynkratisch, Spiegel der Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten ihrer Teilnehmer, auf der Bühne oder im Publikum, in Produktion oder in Rezeption. Festzuhalten was ist, wie es ist: Das würde bedeuten, Versprechen gering zu achten. Doch die Welt will Illusionen.

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