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Sigmar Polke 1941 - 2010

Wenn das Reden über eine Postmoderne, in die die Kunst der Gegenwart eingetreten wäre, Sinn macht, dann vor allem in Hinblick auf zwei Phänomene: zum einen das Ende der großen Erzählungen, jener Verpflichtung auf einen umfassenden Plan und ein weltumspannendes Projekt, das dem Fortschritt, der Zukunft, der Verbesserung zuarbeitet; zum anderen den von Roland Barthes so genannten „Tod des Autors“, dem die „Geburt des Lesers“ zu folgen habe, jedenfalls eine neue Wahrnehmung der Künstlerperson, für die es zusehends prekär wird, sich auf Vorstellungen von Originalität, Authentizität oder Genialität zu berufen, als sei damit etwas erklärt. Die Künstler, so ließen sich diese beiden Punkte auf einen einzigen bringen, machen fortan ihr Ding. Sie machen es für sich selber, ganz persönlich, individuell, idiosynkratisch, und sie machen es weniger im Hervorbringen von Niedagewesenem als in der Aneignung dessen, was die Welt bereithält, im brauchen Können und für sich Engagieren von sowieso Vorhandenem. Diese Veränderungen im Sinne einer Postmoderne brachen sich in den sechziger Jahren die Bahn, und es ist genau die Dekade, die auch das Werk von Sigmar Polke sich entfalten sah. Wie kein anderer Künstler hat Polke sich die neuen Tendenzen zu Herzen genommen und sie nicht nur in seinem Schaffen verkörpert, sondern auch die Konsequenz gezogen, die sich notwendigerweise daraus ergibt. Natürlich kann vom Tod des Autor keine Rede sein, er erfreut sich vielmehr bester Gesundheit als jene mit Nachdenklichkeit, Ironie und Selbstdistanz begabte Figur, die die Herstellung von Kunst in den Raum stellt als einen Prozess des Reflektierens und komplexer Werdens. Polkes Kunst hält sich van Anfang an daran: Sie ist vordringlich der Kommentar auf ihre eigene Entstehung. 1969 stellt sich Polke mit einer Leinwand vor, die auf monochromem Weiß ein schwarzes Dreieck enthält. Dazu findet sich, per Hand gemalt, aber die Lettern einer Schreibmaschine nachahmend, folgender Text: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“. Der krude Reim vollzieht augenzwinkernd nach und das Bild, dem er appliziert ist, stellt leichthändig dar, was die Theorie dieser Zeit vorexerzierte: dass Kunst beileibe nicht Sache eines kreativen Furors wäre und sich eher der Transpiration als der Inspiration verdankte. Polke gibt sich ganz willfährig und erklärt sein Schaffen als Verfügung aus dem Reich des Außerirdischen. Oder, wie er in seinem wunderbar nonchalanten Text „Frühe Einflüsse, späte Folgen. Oder: Wie kamen die Affen in mein Schaffen? und andere ikono-biografische Fragen“ von 1976 versichert: „Und so sehr vielleicht auch manches in meinem Werk nach Phantasie oder wie Einfall aussieht – alles ist nach Vorlage und im Auftrag gestaltet.“ Alles ist nach Vorlage gestaltet: Dieser Satz ist nichts anderes als richtig, auch wenn es natürlich weniger spirituelle Einflüsse als strategische Überlegungen waren, die sich in Polkes Schaffen spiegelten. In Parallele zur gerade etablierten Pop Art waren es der Schatz und der Schund der Populärkultur, die Polkes Bildwelten bevölkerten, waren es die Errungenschaften und Niederträchtigkeiten der Massenkommunikation, waren es Trash und Tratsch einer Konsumgesellschaft, die im Spektakel und dem Gerede darüber ganz bei sich ist. Anders als die amerikanische Pop Art begnügte er sich nicht damit, die Bilder, die er fand, zu wiederholen und sie als Images auszustellen: Polke forcierte diese Bilder vielmehr, lud sie auf mit Expressivität, übertrieb sie in ihrem Fokus auf die knallige Aussage, brachte ihre Komik zur Kenntlichkeit und trieb das demokratische Menschenrecht auf Verdämlichung auf die Spitze; indem er diese Bilder ganz wörtlich nahm, stellte er, und darin zeigte sich die generelle Verfahrensweise des Ironikers, ihre tiefere Bedeutung zur Schau. Und anders als die amerikanische Pop Art begnügte sich Polke nicht mit technischen Methoden, die die Gemachtheit der vorgefundenen Bilder nochmals reproduzieren: Wenn die massenmedialen Bilder, die ganz selbstverständlich das Raster des Siebdrucks enthielten, auf Polkes Leinwänden landeten, dann blieb das Pünktchenverfahren zwar sichtbar, doch wurde es minutiös aufgemalt, und so war per beflissener Handwerklichkeit getilgt, was sich der anonymen Apparatur verdankte; im Lauf seines Schaffens ist Polke insgesamt ein Tüftler geworden, ein Experimentator mit Farben und Virtuositäten, der sich bisweilen alchemistisch gab und weit zurückwandte in die Tradition seines Metiers, zu Goya etwa, zu Dürer oder den spätmittelalterlichen Holzschnitten. Wie kein zweiter seiner Generation zeigte Polke, wie es sich als Künstler arbeiten lässt in einer Zeit, da alles schon gesagt und gezeigt ist. Vielleicht besteht das deutlichste Kennzeichen von Pop, nicht nur von Pop Art, sondern insgesamt der Popkultur, wie sie die Gegenwart prägt, in einem Verdacht, den alle, die sich ihr zugehörig fühlen, teilen: dem Verdacht, dass hinter jedem Bild, jedem Satz und jedem Akkord längst ein anderer steht und jede originär gemeinte Aussage immer schon Zitat ist. Es gibt nichts Unartikuliertes mehr, lautet das Programm. Aber es gibt immer noch Kunst, und womöglich bessere als vor fünfzig Jahren. Die Grundlage dieser Kunst ist das Wissen um das Problem, und ihr Material ist die Reflexion. Ironie ist die Originalität der Späten. In Sigmar Polkes Schaffen zeigte sich auf herausragende Weise, wieviel an Innovation darin noch liegen konnte. Und den Witz gab es obendrein. Nach langer Krankheit ist einer der Allergrößten der Gegenwartskunst nun abgetreten.

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