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Gentrification

Am Morgen vor der Eröffnung der Berlin Biennale, so berichtet Bert Rebhandl im „Standard“, hingen Plakate mit dem Konterfei der Kuratorin an Kreuzberger Hauswänden. Kartin Rhomberg hatte sich auf diesen Plakaten die Bezeichnung „Gentrifiziererin“ eingehandelt, einen Begriff, der auf die ortstypisch unschöne Weise glaubt, korrekt zu sein, weil er einen Terminus geschlechtsspezifisch ummodelt. Gentrification ge-gendert. Na, klasse - ganz unabhängig von der Pogromstimmung, die die Aktion verbreitet und die Rebhandl, den besten Feuilleton-Korrespondenten des „Standard“, nicht von ungefähr an die Terroristen-Hetze der Siebziger erinnert. Gentrification. Als die Briten Ende des 19. Jahrhunderts feststellten, dass es mit ihrer wirtschaftlichen Hegemonie vorbei war (weswegen sie das „Made in Germany“ einführten, um vor den Produkten des aufstrebenden Konkurrenten zu warnen), schien es ihnen daran zu liegen, dass die ökonomische Klasse mehr und mehr den Lebensstil des Landadels, auf englisch: Gentry, übernommen hatte. Man ging am Vormittag kurz in die Firma, der Rest des Tages war der aristokratischen Noblesse, dem Teetrinken-Golfspielen-Plauden, gewidmet. Kein Wunder, dass durch diese Mentalität des Müßiggangs die Geschäfte verkümmerten. Gentrification war aller Laster Anfang. "Keine Angst, es ist nur Gentrification" - Streetart in der Boxhagener Straße in Berlin-Friedrichshain - Foto: Henning Onken Im Jahr 1964 wärmte die britische Soziologin Ruth Glass den Begriff mit Blick auf den Londoner Stadtteil Islington wieder auf. Auch wenn Ruth Glass die Mittelklasse insgesamt im Auge hatte, wie sie die Unterschichten in zentrumsnahen Gegenden ersetzte, so traf ihr Diktum perfekt auf die kulturelle Szene Mitte der Sechziger zu. Die Pop-Kultur, die sich mit ihren Allüren und ihrer neuen Prominenz breitmachte und die Sozialstruktur durcheinander brachte, benahm sich wie die Gentry, es war eine luxuriöse Existenz der Nonchalance und des eleganten Sichgehenlassens. Mehr und mehr war, was die Beatles oder die Stones vollführten, eine Wendung zu Lebensstilen der Aristokratie - die Villen und Schlösschen in malerischen Parks, wie sie sich die reich gewordenen Bands leisten, standen ebenso dafür wie die Konjunktur von LSD als Treibmittel der Ästhetik. Die unkontrollierbaren Wirkungen der Droge, der scheinbar unendliche Aufwand an Zeit, den die Trips beanspruchten, und überhaupt die demonstrative Behauptung, es genüge, wie weggetreten auch immer, einfach da zu sein, um einen Ort und eine Handlung mit Bedeutung auszustatten – all das war nur möglich in der Delikatesse und der Exquisitheit eines neoaristokratischen Gebarens. Gentrification. Viel gebraucht ist der Begriff seither, und er meint die Veränderung von städtischen Umgebungen durch den Zuzug neuer Milieus, die vor allem eines bewirken: die Vertreibung der alteingesessenen Bevölkerung. Medium der Umgemeindung ist die Kultur, die Stoßtruppe des Kapitalismus, die einzieht, aufwertet und wieder abzieht, damit dann die Bonzen das Sagen haben. So war es jetzt in Kreuzberg gemeint, und so ist es mittlerweile längst falsch. Heute hat der Kapitalismus keine Zeit mehr zu warten, bis aus leerstehenden Räumen Ateliers, daraus Designer-Büros, daraus PR-Agenturen, daraus Rechtsanwaltskanzleien und daraus Botschaften werden. Heute zieht sofort die Luxus-Ausstattung ein und bringt fürs Ladenlokal die Galerie oder den Showroom für die Privatsammlung gleich mit. Das passiert, mit den Liegenschaften der Herren Bastian oder Haubrok, gerne in Berlin. Aber eher weniger in Kreuzberg.

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