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Hopper

Pop, so hat Boris Groys es einmal auf den Punkt gebracht, ist nichts anderes als Charts. Es ist das Höher, Weiter, Geiler der Begeisterung, Objekt jener Zuteilung, die in dem emphatischen Suffix „aller Zeiten“ kulminiert. Das größte Pop-Phänomen, das aller Zeiten, sind ohne Zweifel die Beatles. Sie sind das Paradigma ihrer Zeit, Personifikationen des Pop insgesamt und nicht nur seiner Musik, das Nonplusultra dessen, wie sich Jugendkultur mit der Gesellschaft, die sie auszuhalten hatte, ins Benehmen setzt. Sie haben indes den großen, Pop gleichzeitig auch inhärenten Makel einer gewissen Kurzlebigkeit. Nach gerade einmal sechs Jahren absoluter Leaderschaft sind sie seit vierzig Jahren nur noch Geschichte. Wer verkörpert Pop nun in seiner Langfristigkeit am besten? Die Stones, die ewigen Konkurrenten der Beatles für diejenigen, die glauben, die Bands lägen tatsächlich auf Augenhöhe, die Stones, die es immer noch gibt, auch wenn ihnen ihrerseits seit dreißig Jahren, spätestens seit „Tattoo You“, gleich überhaupt nichts mehr eingefallen ist? Bob Dylan, der tatsächlich unglaublich lange hält, und schon in den Sechzigern der einzige Rivale der Beatles um den Status des Weltmeisters war? Oder ist es vielleicht eine fiktive Figur, James Bond, wie er in diversen Rollen und verschiedenen Trend-Manifestationen durchs Kino geistert, seit 1962, dem Schlüsseljahr des Pop, und ungebrochen eigentlich bis heute? Nein, es ist Dennis Hopper. Er hat in den Fünfzigern keinen tragenden aber immerhin vorhandenen Part an der Seite von James Dean, der Ikone avant la lettre, gespielt. Er hat mit „Easy Rider“ als Regisseur und Hauptdarsteller die Sixties auf den Punkt gebracht, die Überdrehtheit, in der sie endeten, und den Anklagegestus, der der Gesellschaft die Schuld daran zuwies, dass jugendliche Identität zum Schnorrertum verkommen war. Er hat in den Siebzigern mit Coppola „Apocalypse Now“ gedreht, den Schlüsselfilm dafür, wie eine Dekade wieder zurechtzurücken hatte, was im Jahrzehnt davor in völlige Schieflage geraten war. Er hat in den Achtzigern „Blue Velvet“ gemacht, das Mini-Drama von David Lynch, die Suche nach dem Thrill unter der Grasnarbe, das Paradewerk einer Ästhetik der Simulation, die so schnell gealtert ist wie die weißen Socken und die Schulterpolster. Und Hopper hat „Speed“ gedreht, die Parabel auf ein Zeitalter der Beschleunigung, an dem wir immer noch und heute in Gestalt des Kapitalismus laborieren. In späten Jahren hat Hopper dann der Kunstbetrieb, an dessen Peripherie er sich immer aufhielt, vereinnahmt, sein Querseinsteigertum wurde, wie alles Queere, zum Mainstream und er selbst zum Vorzeigekünstler der Galerie Ropac. Keiner war, im Sinn des Pop, hipper als Hopper. Immerhin konnte er 74 werden, bis er starb. „I hope I’m old before I die“, singt Robbie Williams, die berühmte Zeile aus „My Generation“ umkehrend. Dennis Hopper hatte, im Sinne des Pop, das exemplarische Leben.

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