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Lueger, Wagner, Wien um 1900

Weil es gerade auf der artmagazine-Startseite eine interessante Koinzidenz zu sehen gab: Otto Wagner-Möbel stehen zum Verkauf, das Lueger-Denkmal wird gekippt. Und weil es ohnedies immer um Wien geht. Hier ein paar Überlegungen zur vermeintlich großen Zeit der Stadt. „Ob sie nun Hygieia oder Judith, Frau X oder Frau Y heissen“, so beginnt eine der vielen Spitzen gegen Gustav Klimt, „alle seine Gestalten haben die Blässe der berufsmäßig unverstandenen Frauen, und Herr Klimt hat ihnen unverkennbare Schattenringe oder sagen wir lieber gleich Schottenringe um die düster glosenden Augen gemalt“. Karl Kraus hat dies geschrieben, und wenn die Klimt-Kritik unverkennbar und die Frauenfeindlichkeit zumindest bemerkbar ist, so hat sich noch ein weiteres Ressentiment in diese Zeilen geschlichen, das schlimmste, weil folgenreichste von allen, und gerade dieses hat seine Brutstätte in Wien. Das im Prinzip ganz wunderbare Wortspiel mit den „Schattenringen“ und den „Schottenringen“ entstammt nichts dümmerem als einem antisemitischen Vorurteil. Es deutet in diesem Fall auf die Koinzidenz der düsteren Augen von Klimts Auftraggeberinnen mit dem Schottenring hin, jenem besonders gut situierten Teil der Ringstraße, an dem manche Vertreter der jüdischen Bourgeoisie wohnten. In der Tat waren viele der Auftraggeber der Secessionisten von jüdischer Herkunft, und es macht die Sache nicht besser, dass auch Kraus jüdischer Herkunft war. In Wien hatte sich, verkörpert in der wuchtigen Figur des Bürgermeisters Karl Lueger, der Antisemitismus zum ersten Mal von einer Art sozialpsychologischem Hintergrundrauschen, das immer vernehmbar gewesen war, zu einer politischen Programmatik ausgewachsen, er war nicht mehr religiös, sondern rassistisch motiviert und vermengte sich mit Neid und Xenophobie zum Charakteristikum schlechthin des totalitären Jahrhunderts. In diesem Antisemitismus ist Wien mit mehr als allem anderen epochenbildend geworden. Postsparkassengebäude von Otto Wagner, Ansicht Hauptportal 1906, Foto: P.S.K. Archiv Antisemitismus und Avantgardismus, so die berühmt gewordene Rekonstruktion Carl Schorskes, widersprechen einander nicht nur nicht, sondern sie besitzen im Ressentiment ein gemeinsames Drittes. Das Postsparkassenamt Otto Wagners, Fanal des Neuen Bauens, gibt ein perfektes Beispiel dafür ab. Dieses Stück Vorzeigearchitektur belieferte nämlich bei aller ästhetischen Avanciertheit die politische Reaktion; es diente der Klientel Luegers, den kleinen Sparern mit ihrem katholischen Hintergrund, ihrem Vorbehalt gegen die Reichen und ihrer Fokussierung auf die Juden als Grund allen Übels. Was auch immer diese Komplizenschaft, die nicht minder signifikant ist als jene zwischen der Secession und ihrem Ehrenmitglied, dem Kaiser, motiviert haben mag: Die Idee der Reinheit, des Purismus, der Entfernung allen als bourgeois und verlogen erachteten Zierrats wird ihre Rolle gespielt haben. Was vom Ästhetischen ausgeht, wird zum Moralischen weitergereicht und endet im Politischen. Franz Joseph I. hat zwei Jahre lang versucht, die Bestellung Luegers zum Wiener Bürgermeister zu verhindern. Im Jahr 1897 aber, dem Gründungsjahr der Secession, musste der Kaiser klein beigeben. Vielleicht besteht die Geschichte des Wien um 1900 aus nichts Bezeichnenderem als den gescheiterten Versuchen, den Einbruch der Eiferer zu verhindern. Die Kultur hat in diesem Prozess durchaus gewonnen. Und sie hat, und nicht nur sie, ihren gehörigen Preis gezahlt.

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