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documenta, vor Ort

Stell dir vor, es ist documenta, und du gehst nicht hin. Dafür bist du ins Bräunerhof gegangen, oder ins Sperl, und hast dir dort die Zeitungen geholt. Da sitzt du also und erfährst, dass du eigentich "im 'Wolperdinger Brauhaus', beim 'Caruso' oder im 'Häschengrill' " ("Der Standard") verlangt wirst. Vor Ort, in Kassel. Aber nein, du bleibst vor Ort, in Wien, und lauschst den Klängen der Machete, mit der die Kollegen Kritiker Schneisen schlagen in den Wildwuchs, den die Ausstellungsmacher angerichtet haben. Kritiker sind die wahren Erben Harald Szeemanns: Sie versuchen zu verstehen, was ein Kurator zu verstehen versucht, wenn er sich die Gegenwartskunst vornimmt. Die "Presse" arbeitet diesbezüglich am komfortabelsten, denn sie rückt dem Dschungel mit einem Lageplan zu Leibe. Was im Fridericianum passiert und was im Kulturbahnhof wird nacheinander und mit jener Deutlichkeit erklärt, die einem die Ortsangaben auch noch fett gedruckt liefert. Auch die "Süddeutsche Zeitung" bemüht das Prinzip Baedeker, sie hat sich einem Fremdenführer anvertraut, einem Scout in Gestalt des Stuttgarter Kunsthistorikers Beat Wyss und hängt ihm nun an den Rippen und den Lippen. Die "F.A.Z." bietet gleich ein Septett, Professoren vom Schlage eines Andreas Beyer oder Martin Warncke, auf und mit ihnen die Idee, dass wer sich in der Renaissance auskennt sicher auch weiß, wie man Renee Green schreibt. Nur der "Standard" bahnt sich seinen Weg ganz allein. Eben bei ihm erfährst du, dass "Ouattara Watts und Luc Tuymans längst etablierte Maler" sind, und du fragst dich, warum du beim ersten Namen offenbar gefehlt hast. Die "Presse" erwischt dich bei einer ähnlichen Ignoranz: Zwar kennst du Shirin Neshat, aber dass Choreh Feyzdjou "auch aus dem Iran stammend und genauso bekannt und arriviert ist", war dir bis dato vollständig entgangen. Dass mit jenem "Ecke Bohm", von dem die "Süddeutsche" schreibt, nur Meister Bonk gemeint sein kann, fällt dir hingegen auf, und du fasst wieder Vertrauen in deine Kompetenz. Schließlich schreibt auch die "F.A.Z." den Namen so, wie du ihn kennst. Du versuchst, dich an die Zeit vor fünf Jahren zu erinnern und an die Schlachten, die man damals schlug. Madame Catherine war zerzaust und zerrupft worden von schier der ganzen Meute an Meinenden, und allein Eduard Beaucamp von der F.A.Z., der sich diesmal bedeckt hält, war ganz Kavalier und verteilte Komplimente. Mister Okwui dagegen kommt jetzt überhaupt und insgesamt gut weg. "Museal" ("F.A.Z"), "retour à l'ordre" ("Süddeutsche"), "akademischer Dienst" ("Standard"): Das macht nicht nur nichts aus, sondern die ganze Chose alles in allem einfacher. Die versammelten Kritiker können es nun einmal leichter verwinden, wenn ein Afrikaner "klassisch" ("F.A.Z") als wenn eine Frau, wie beim letzten Mal, intellektuell tut.

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