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Gesetz der großen Zahl

Dem „Art Newspaper“ sind immer wieder fundamentale Informationen zu entnehmen. Im Moment zum Beispiel jene, wer und was sich im Jahr 2009 an Ausstellungen und Museen weltweit mit den meisten Besuchern geschlagen hat. Die „Top Exhibitions“ sehen also, ins Ranking gebracht nach der Zahl der täglichen Eintritte, ganz zuoberst vier japanische Ausstellungen, darunter die ersten drei mit klassischer autochthoner Ware. Dann kommen drei Pariser Schauen, gefolgt von deren zwei in New York. Platz eins bis fünfzehn jedenfalls gehen an drei Global Cities, einzig das eher kleinstädtische Nara, 300 Kilometer südlich von Tokio gelegen, nimmt mit seinem Nationalmuseum Platz zwei ein. Die „Shoso-in Treasures“ waren indes nur zehn Tage zu bestaunen, so dass der stolze Schnitt von knapp 15.000 täglich Interessierten mit einer eher geringen Gesamtmenge zustandekam – die Stadt mit ihren 300.000 Einwohnern wäre womöglich auch bald erschöpft gewesen. Denn das ist das erste, das man aus dieser Hitparade lernt: Inszeniere Deine Blockbuster in Weltstädten. Spezielle Themen scheinen weniger wichtig. Picasso im Grand Palais nimmt Rang sechs ein, hinter ihm Kandinsky im Centre Pomdpidou, doch vor beiden liegt die Foto-Biennale im Quai Branly - Pipilotti Rist ist im MOMA auf Platz neun die erfolgreichste noch Lebende. Was allerdings nicht schaden kann, ist ein Name, in dem „Treasure“ oder „Masterpiece“ vorkommt, auch wenn es längst nicht mehr jene Hauptstücke sein müssen, die einst dem Kanon angehörten. Es erweist sich natürlich als vorteilhaft, hängt man die Ausstellung an ein Museum an, längst schon wird bei den Billets nicht mehr unterschieden, wohin man sich begibt, hat man sich erst einmal ins Haus begeben. Die erfolgreichste Schau außerhalb einer weltumspannenden Kollektion ging bei Saatchi in der Weltstadt London über die Bühne, sie liegt auf Platz 29 des Rankings (auch wenn man weiß, dass das „Art Newspaper“ es mit Britannia ohnehin immer gut meint). Auszug aus dem Listing des Art Newspaper In diesem Sinn haben es Elena Elagina und Igor Makarevich immerhin sehr weit gebracht. Mit mehr als 1.500 Besuchern pro Tag liegen sie im guten Mittelfeld der Aufstellung. Zum ersten lernt man daraus, wie beflissen die Liste wirklich alles zu erfassen sucht (bis zur Ausstellung tschechischer Fotografie des 20. Jahrhunderts in der Bonner Bundeskunsthalle, die mit 248 täglichen Besuchern die Tabelle beschließt). Zum zweiten lernt man, dass man nicht bekannt sein muss und dass eine Teilnahme im Rahmen einer Ausstellungsfolge namens „In situ“ bisweilen ausreicht, ist man nur in Verbindung mit dem Kunsthistorischen Museum und jeder Blick auf Vermeers „Malkunst“ schlägt auch für die eigene Präsentation zu Buche. Einmal mehr entspricht die heroische Arbeit des „Art Newspaper“ in erster Linie der alten Einsicht, dass man sich seine Statistiken am besten selber fälscht. Das Ranking folgt dem Gesetz der großen Zahl, und wenn viele Leute in der Stadt sind, sind auch viele Leute in der Ausstellung. Was die Obrigkeit glaubt, für das Nonplusultra an Kuratoren- oder Direktorenleistung halten zu müssen, ist ein Selbstläufer. Man wundert sich, dass ein solch einfacher Mechanismus auf höherer Ebene noch nicht verstanden wird. Das gesamte Listing fiden Sie hier zum Dowload als PDF

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