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Schnecken

Jemandem, der seine Promotion abgeschlossen, seine Dissertation aber noch nicht publiziert hat, kommt in Deutschland die absurde Bezeichnung Dr. des. zu. Das heißt soviel wie designierter Doktor, denn solange man nicht die vielen Uni-Bibliotheken mit Pflichtexemplaren bedient bzw. einen Verlag gefunden hat, der das für einen übernimmt, ist man noch nicht titelwürdig. Das führt zu grotesken Existenzen von Kleinunternehmen, die für viel Geld wenig Geist auf den Markt werfen, schließlich ist Veröffentlichung Pflicht. Wohl dem, der ein renommiertes Haus für sich einnehmen kann. Niklas Maak, dem Kunstredakteur der F.A.Z., ist das augenscheinlich gelungen. Er ist bei Hanser untergekommen, Unterabteilung edition akzente, wo auch Boris Groys, Jean Starobinski oder Georg Franck ihre klugen Gedanken schon verbreitet haben. Als 1998 abgelieferte Doktorarbeit hieß das Opus „Architekten am Strand. Das Objet à réaction poétique bei Le Corbusier und Paul Valéry“. Zwölf Jahre später ist es zu „Der Architekt am Strand“ singularisiert und zu „Le Corbusier und das Geheimnis der Seeschnecke“ mystifiziert. Ohne Änigma tut es heute auch ein angesehener Verlag nicht. Niklas Maak, Der Architekt am Strand. Le Corbusier und das Geheimnis der Seeschnecke, München: Hanser 2010 Der Inhalt ist grob der Folgende: Für sein 1955 auf den Hügel gestelltes Spätwerk in Ronchamp hat der Altmeister eines vermeintlich rationalen Bauens tief in die Trickkiste des Essentiellen gegriffen, hat willkürlich Fenster und Wände verteilt, der Gottesmutter Maria gehuldigt und überhaupt mit Naturformen gegründelt, wo er früher auf die Maschine, den Dampfer, das Flugzeug gesetzt hatte. Als Begründung verwies Le Corbusier auf ein Erlebnis am Strand, wo eine Schnecke, die er dort fand, nachhaltig für Eindruck bei ihm sorgte. Der Bezug zu Paul Valéry und sein berühmtes „Objet Ambigu“, das er im Traktat „Eupalinos oder der Architekt“ von 1923 beschreibt, ist schnell hergestellt. Hier geht es um Treibgut; Sokrates, der Philosoph, der Valérys entsprechend als Dialog angelegtes Buch beherrscht, findet es, weiß nun nicht, was es ist, er grübelt nach, wirft es irgendwann ins Meer zurück und ärgert sich anschließend darüber. Vielleicht, insinuiert Valéry, wäre Sokrates statt Denker Künstler geworden, hätte er das vieldeutige Ding nur behalten. Corbu, insinuiert Maak, hat sich in seiner Erklärung für Ronchamp bei Valéry bedient. Das ist durchaus plausibel, man konnte sich derlei durchaus selber schon mal gedacht haben, doch reicht es womöglich nicht für eine Dissertation. Entsprechend wird nun ausgemehrt, wird der Manierist Bernard Palissy mit seinem rustikalen Stil bemüht und ein römischer Jesuit namens Filippo Buonanni, auf den ein Traktat über Muscheln zurückgeht. Genreüblich wird nicht gefragt, ob das eine mit dem anderen wirklich zu tun hat, Hauptsache man demonstriert nicht Bildung, aber Wissen. Was man halt so braucht in der Doktorarbeit. Dazu gehört dann auch, dass man die vielleicht eindeutigste Schnecke in der Architektur, Frank Lloyd Wrights Guggenheim Museum, nicht erwähnt. Aber braucht man das bei Hanser? „Le Corbusier machte keinen Hehl daraus, dass er wenig las, er gab mit einer manchmal an Unverschämtheit grenzenden Offenheit zu, dass er keine Zeit mit mittelmäßigen Büchern zu vertrödeln habe.“ Der Autor hätte bei seinen Ausführungen vielleicht daran denken sollen, dass auch bei anderen die Zeit knapp werden kann. Im Übrigen bekommt man von Maak ohnedies genug zu lesen.

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