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Sex im Alter

Kann ein 57jähriger mit seiner 52jährigen Frau immer noch guten Sex haben, auch wenn ihn die Krampfadern so zwicken, dass er sich dabei einen Stützstrumpf um die Wade binden muss? Wird die Dame des Hauses mit dem besten Freund ihres Mannes eine Affäre anzetteln, um festzustellen, dass der dann doch mit einer 37jährigen, noch dazu aus Russland, durchbrennt? Und schließlich: Was versteht ein 42jähriger davon? Mit diesen Fragen wäre umrissen, was Arno Geigers neuen Roman ausmacht. „Alles über Sally“ ist vor allem alles über das Eine, und so sprachgewaltig, wie er kann, lüpft Geiger die Bettdecken. Und diese Genüsse ergeben sich auch noch in Wien. Irgendwann muss er sich in ein Kapitel retten, in der wieder einmal der Stream of Conciousness sein schauriges Haupt erhebt. Da gibt es dann vierzig Seiten lang keinen Punkt, geschweige denn einen Absatz, und was weder Arthur Schnitzler beim „Leutnant Gustl“, noch James Joyce mit seinem schier unendlich aufgeschobenen Schluss des „Ulysses“ und schon überhaupt nicht Thomas Mann bei „Lotte in Weimar“ bewerkstelligt haben, wird auch bei Geiger nicht gelungener. Arno Geiger, Alles über Sally, München: Hanser 2010 Doch der Blick ins Hirn ist eindeutig dem auf den Unterleib nachgeordnet. Da lässt die Heldin des Romans nichts zu wünschen übrig an Berufsjugendlichkeit, knackig will sie sein und herausfordernd, und die Verführung gelingt ihr ja auch, im Hotel am Donauufer und anschließend Bikini-bewehrt im Gänsehäufel. „Es ist nichts Besonderes“, sagt sie nach dem ersten Nachmittag in der verstohlenen Zweisamkeit, „wenn ich mit einem Mann, der mir gefällt, ins Bett will. Etwas Besonderes ist es nur, wenn ich’s mache.“ Ihr Liebhaber ist übrigens, wenn ich es richtig aus Geigers etwas mühseligen Zeitangaben errechnet habe, 48. „Andererseits“, heißt es bei Schopenhauer, und der wiederum wird von Simone de Beauvoir in ihrer Studie über „Das Alter“ zitiert, „andererseits jedoch ließe sich sagen, daß nach erloschenem Geschlechtstrieb der eigentliche Kern des Lebens verzehrt und nur noch die Schale desselben vorhanden sei, ja daß es einer Komödie gliche, die von Menschen angefangen, nachher von Automaten, in deren Kleidern, zu Ende gespielt wurde.“ Etwas von Automaten haben auch Geigers Gestalten, ein wenig leblos sind sie bei allem Beschwören von Vitalität. Vielleicht hat den Autor das Schicksal einer Generation, der er nicht angehört, einfach zu wenig interessiert. Das wäre dann das Treffendste, was man durch das Buch über das Sein zum großen und das Sein zum kleinen Tod erfährt.

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