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Das Glück des Gleichgewichts

Ein paar Bemerkungen zur Ausstellung „Jakob Alt und Rudolf von Alt. Im Auftrag des Kaisers“, die momentan in der Albertina zu sehen ist. Veduten aus den österreichischen Ländern, genau, heiter, eine manifesthafte Umsetzung dessen, was in Hegels „Ästhetik“ so formuliert ist: „Durst nach dieser Gegenwart und Wirklichkeit selbst, das Sichbegnügen mit dem, was das ist.“ In seinem kurzen Essay „Ruysdael als Dichter“, publiziert 1816 im „Morgenblatt für gebildete Stände“, wirft Goethe auf den holländischen Barockmaler Jacob van Ruysdael einen Blick, in dem sich der Staatsminister geltend macht. Er wolle Ruysdael „als denkenden Künstler, ja als Dichter betrachten“, versichert Goethe, es gehe um ein „Kunstwerk [...], welches, dem Auge an und für sich erfreulich, den inneren Sinn aufruft, das Andenken anregt und zuletzt einen Begriff ausspricht, ohne sich darin aufzulösen oder zu verkühlen“. Diese Passage macht zugleich deutlich, dass es bei aller Huldigung der Alten auch einen konkreten Gegner gibt, dessen Bilder Auflösungserscheinungen und Kältegefühle hervorrufen: Caspar David Friedrich. Mönche am Meer, so Goethes Spitze, wird man bei Ruysdael vergeblich erwarten. Jakob Alt, Blick aus dem Atelier des Künstlers in der Alservorstadt gegen Dornbach, 1836, © Albertina, Wien Ruysdael wird also als „Dichter“ ausgewiesen, doch die damit attestierte Fähigkeit zur Herstellung von Zusammenhängen liest Goethe mehr in die Bilder hinein denn aus ihnen heraus. Die Bildgegenstände werden handlich gemacht für ihre Einbettung in ein Idyll gemeinschaftlichen Funktionierens, für eine überschaubare Welt, in der jedes Detail auch real den Platz hat, der ihm piktoral zur Verfügung gestellt ist. Ruysdaels durchaus mit Allegorik aufgeladene Motive, der monumentale Baum, die Klosterruine, der Friedhof, Motive also, die die Bilder Caspar David Friedrichs geradezu exzessiv bevölkern, finden sich heimgeholt in ein Idealbild deutscher Duodez-Mentalität. Mit einer an Chuzpe grenzenden interpretatorischen Nonchalance sieht Goethe im Friedhof den „Beweis von der Wichtigkeit des Kirchsprengels“, oder er schwadroniert angesichts einer massiven Linde von den „Kirchweihfesten und Jahrmärkten“, die darunter Platz fanden. Was Goethe in diesem schmalen Text anspricht, wird unmittelbar funktionalisiert: Alles hat einen, vor allem sozialen, Gebrauchswert; und so, wie er es anspricht, wird es finalisiert: Alles hat eine, vor allem belehrende, Absicht. Jeder über die Bildwelt hinausweisenden Dimension entkleidet, nivellieren sich die Darstellungen zum puren Genre. Der, in Goethes Worten, „innere Sinn“ liegt in der Exemplarität des Gezeigten für ein Ganzes des Funktionierens; die Komposition steht buchstäblich für Ordnung und die Tarierung der Bildachsen für Ausgleich. Der „Dichter“ Ruysdael, er liefert gewissermaßen konkrete Poesie. Wie im Brennglas erscheint in Goethes Text der Blick des Biedermeier. In heftiger Absetzbewegung gegen die exzentrischen Aggregatszustände der Romantik wird das Glück des Gleichgewchts beschworen. Anders als der beginnende Historismus es meint, ist dieses Glück durchaus im Hier und Heute möglich, wenn man sich nur darauf konzentriert, es beflissen herstellt in den Mechanismen des Selbstbezugs und der Selbstregulierung. „Man suche nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre“, wird wiederum Goethe sagen, in seinem Altersroman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, publiziert 1829. Die Welt ist ihre Oberfläche, und allein im intensiven Blick auf das, was es alles gibt, lässt sich ihr Fluidum spüren. So macht sich im Jahr 1830 Jakob Alt zusammen mit seinem Sohn Rudolf, mit Eduard Gurk und mit Leander Russ auf, dem Kaiser diese Welt vor Augen zu stellen. Es wird ihm gefallen haben. 300 Blätter jedenfalls haben sich erhalten. 100 davon zeigt die Albertina.

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