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Kunst und Philosophie

Fünfzehn Jahre ist es fast her, da gaben sie im weiland Kunstraum des Bundeskurators Brüderlin eine Veranstaltung, die hieß „Art & Language & Luhmann“. Der Meister, der sich da mit den britischen Veteranen der Conceptual Art sein Stelldichein geben sollte, Niklas Luhmann aus Bielefeld, Soziologe, Systemtheoretiker und seit seinem 1995er Werk „Die Kunst der Gesellschaft“ ein Hätschelkind des Betriebs, sah sich zu dieser Bekanntschaft gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Er hatte auch das „Recht der Gesellschaft“ untersucht, die „Wissenschaft der Gesellschaft“ oder, wenn schon denn schon, die „Gesellschaft der Gesellschaft“. Was ein guter Methodiker ist, das weiß man seit Hegel, der kann sein Denken jeder Disziplin aufpfropfen. Ein solches Bahö wie der Kunstbetrieb hatte um ihn und seine Überlegungen indes kein anderer Bereich gemacht. Luhmann war plötzlich zu dem geworden, was man in der einschlägigen Emphase einen „Theoretiker“ nennt. Wie es aussieht, hat sich das Verfahren jetzt ins exakte Gegenteil verkehrt. Die Philosophie, die ehrwürdige Disziplin, die seit zweieinhalb Tausend Jahren ihre profunden Fußnoten zu Platon setzt, schielt hinüber in den Kunstbetrieb und versucht zusammenwachsen zu lassen, was noch nie zusammengehörte. Gerade hat Bruno Latour in München den mit 25.000 Euro dotierten Kulturpreis der dortigen Universitätsgesellschaft entgegengenommen. Latour ist so etwas wie ein Wissenschaftstheoretiker, längst hat ihn der Kunstbetrieb eingemeindet, und er macht mit Peter Weibel allerschwerst verständliche Ausstellungen mit hochambitionierten Texten und vielerlei Stellwänden. Das muß kein Fehler sein, dass aber die Laudatio bei der jetzigen Preisverleihung nicht Jürgen Mittelstraß, der vielleicht renommierteste Kollege Latours aus dem deutschsprachigen Bereich, und noch nicht einmal jemand aus der Sloterdijk-Groys-Omnipräsenz der Ästhetiker gehalten hat, sondern ein Kurator ist doch, sagen wir, auf bezeichnende Weise neu. Es war Daniel Birnbaum, Städel-Rektor und Biennale-Ausstellungsmacher, der gelobt hat. Hatten sie wirklich niemand anderen? Bruno Latour Da passt perfekt hinzu, dass Bernard-Henri Lévy, Frankreichs alter Hase unter den neuen Philosophen, gerade Abbitte leisten musste. Auf seiner Website „La règle du jeu“ muss er zugeben, dass er in aller Breite einen Kollegen zitiert hatte, den es nicht gab. Jemand vom Satireblatt „Le canard enchainé“ hatte einen Autor und ein Buch erfunden, das von „La vie sexuelle de Immanuel Kant“ zu handeln vorgab. Natürlich ist das für einen Zeitgeistdenker ein weites Feld, und die Mär, dass der Königsberger Klops sich des Morgens einen runterholte, damit zumindest dieses Problem für den Rest des Tages, fassen wir es hegelianisch, aufgehoben war, ist ja auch wunderbar. Allein die Geschichte mit der „Vie sexuelle“ kommt wieder aus dem Kunstbetrieb. Catherine Millet, Chefin der Art Press, hat unter diesem Titel 2001 ihre Schmähmoiren publiziert. Längst scheint sich die Philosophie nur noch für derart leibliche Eskapaden zu interessieren. Und längst sind diese Eskapaden vom Kunstbetrieb verwaltet. Der Philosophie ihrerseits fällt jetzt dazu ein, Fußnoten zu setzen.

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