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Frühgereift und hart und schaurig

Georg Büchner war vierundzwanzig, als er starb. Was hat unsereiner geleistet, bis er so alt war? Und was seither? Es gibt jedenfalls eine Art von Frühvollendung, bei der man neidisch werden kann. Neidisch auf das Können, neidisch auf den Erfolg, denn anders als die ganze Tagebuchschreiberei ist derlei Literatentum ja ziemlich öffentlich geworden. Und neidisch, allen voran, auf die Jugend. Nun wird gerade wieder ein Wunderkind gepriesen. Helene Hegemann heißt sie, die Süddeutsche hat einem Porträt von ihr vor einigen Wochen ihre berühmte Seite 3 zur Verfügung gestellt, wobei der Verfasser des hymnischen Reports natürlich männlich und ein paar Jährchen älter war. 18 wird sie übernächste Woche. Ein Geburtstaggruß ist dies aber jetzt nicht. Anlass ist vielmehr die bestandene Lektüre von Mademoiselle Hegemanns Roman-Erstling „Axolotl Roadkill“. Um es vorweg zu nehmen. Die kann schon was. Dass mit der Protagonistin, etwas „ständig ins Hardcorearrogante Abrutschendes, Kommunikationsfloskeln Bedienendes“, das Autorinnenego gehätschelt wird, kann man annehmen. Beide, die Schriftstellerin und ihre Kopfgeburt, leben in Berlin, wo sie es augenscheinlich ins Berghain schaffen (ich habe ein paar Kollegen – keine Namen, aber sie sind schon eher bekannt –, denen das bisher versagt blieb), und einige Angebereien kommen entsprechend auch vor: „Mir bereitet es keine Schwierigkeiten, dabei zuzusehen, wie einer Sechsjährigen bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochenem Schwefel die Netzhaut abgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird…“ Es ginge noch ein Stück so weiter. Doch das mit der Verwegenheit muss wohl sein. Als Hermann Bahr im Jahr 1891 ins Griensteidl kam, um einem gestandenen Dichter namens Loris die Aufwartung zu machen, sah er sich mit einem Milchgesicht konfrontiert, das dem siebzehnjährigen Hugo von Hofmannsthal gehörte. Noch längst nicht erwachsen dichtete Hofmannsthal ein paar Monate darauf zu Schnitzlers „Anatol“ ein Vorwort, und da stehen Verse wie die folgenden im vierhebigen Trochäus: „Also spielen wir Theater/Spielen unsre eignen Stücke/Frühgereift und zart und traurig./Die Komödie unsrer Seele,/Unsres Fühlens heut und Gestern,/Böser Dinge hübsche Formel./Glatte Worte, bunte Bilder./Halbes, heimliches Empfinden,/Agonien, Episoden.“ Wo es damals schwindsüchtig sensibel zuging, muss heute pornomäßig einer draufgehauen werden. Oder, im Jargon der Subkultur: „Ich reiße die Augen auf und versuche, mich an dem letzten kleinen Fünkchen realistischer Hässlichkeit festzukrallen, aber irgendeine Kraft übertrumpft mich, die nicht meine Wahrnehmung oder meinen Muskelkontraktionsimpuls außer Gefecht setzt, sondern ausschließlich diesen abgefeirten, hundertjährigen Gutmenschenkonsens, unter dessen Schirmherrschaft sich jede lebendige Person seit ihrer Geburt an irgendeine Oberfläche zu kämpfen versucht.“ Bei Hofmannsthal und seiner Generation fand in der Literatur die Verzärteltheit statt und der Weltkrieg draußen. Jetzt tobt das große Schlachten zwischen den Buchdeckeln. Da kann es dann getrost bleiben.

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