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Gleichstellungsauftrag

In Bonn, lese ich nebenan unter „news“ im artmagazine.cc, haben sie eine künstlerische Arbeit aus einem Ministerium entfernt. Das Bild zierte ausgerechnet das Ressort Bildung, und interveniert hat die Gleichstellungsbeauftragte. In der Tag hängen diverse Busen in Claudia Rogges „Rapport080905“ herum, von Frauen vergeführt, die titelgemäß in strengem Rapport verteilt sind. Prekär oder gar untergriffig ist da überhaupt nichts, es sei denn, man nähme Anstoß daran, dass dem weiblichen Geschlecht durchs strenge Ornament der Masse alle Faszination ausgetrieben ist. Das erinnert mich an eine eigene Geschichte, und die erzähle ich jetzt. Für ein Buch, das der Europarat in Straßburg zum Thema „Food and Diversity in Europe“ plante, wurde ich von der weiland Kunstsektion des Bundeskanzleramtes beauftragt, den Beitrag über Österreich zu schreiben. Kunst- und nicht Gastrokritiker, als der ich mich verstehe, wollte ich den Text so anlegen, dass bestimmte kulinarische Phänomene gekoppelt waren mit bestimmten Werken der österreichischen Gegnwartskunst. Zum Bereich Garnieren und Auftragen war nun vorgesehen, sich zur Illustration bei Michaela Spiegels achtteiliger Folge „Schnitzler & Freud“ zu bedienen. Geschrieben habe ich dazu folgendes: „Dass Arthur Schnitzler und Sigmund Freud, die zwei Ergründer des Seelenlebens, beide Ärzte, der eine als belletristischer, der andere als wissenschaftlicher Schriftsteller berühmt, höchst sprechende Namen tragen, ist die Grundlage der Arbeit von Michaela Spiegel (die ihrerseits auf einen sehr signifikanten Namen zählen kann). Dem Foto einer in aller Appetitlichkeit arrangierten Speise wird eine durchaus weniger appetitliche, Pornomagazinen entnommene Abbildung gegenübergestellt, die eindeutige Pose einer zum Apparat degradierten Frau. Schnitzler und Freud stehen dem Nachnamen wie dem Namen als Denker und Dichter nach für den engen Zusammenhang ein, der Essen und Sex im menschlichen Leben nun einmal eigen ist: als Grundbedürfnis wie als Gegenstand der Obsession, als Träger kultureller Überformung wie als Objekt der Reflexion. In einer Bilder-Kombination zeigt die Wiener Künstlerin eine jener Nachspeisen, auf die sich Österreichs und besonders Wiens Küche besonders viel zugute hält, nämlich ein Schokoladensoufflee namens „Mohr im Hemd“. Es ist von speziell deftigem Humor, dass auf der Darstellung vis-à-vis zwei Frauen abgebildet sind, wie sie augenscheinlich mit Männern schwarzer Hautfarbe zugange sind, und natürlich enden damit mögliche Analogien zwischen dem Foto links und dem Foto rechts nicht. Als Diogenes, der Kyniker, einst zur Rede gestellt wurde, weil er auf dem Marktplatz onanierte, soll er folgende schöne Parallele gezogen haben: "Könnte man doch den Bauch ebenso reiben, um den Hunger loszuwerden." Das Asketische und das Lustvolle, das Verkniffene und das Überbordende jedenfalls stehen beiden Regionen, der Leib- wie der Unterleibgegend, zu Gebote.“ Zitat Ende. Die Reaktion der Redaktion war daraufhin die einschlägige, die korrekte und mit bestem Willen und Erziehungsauftrag versehene: So etwas dürfe man nie und nimmer bringen, verlautete aus Straßburg, der Beitrag sei sexistisch, und rassistisch sei er auch. Der Hinweis der mit mir stets solidarischen Kunstsektion, wonach die verwendeten Bilder und die verwendeten Begriffe ja Zitate seien, fruchtete erwartungsgemäß wenig. Auch die Referenz auf Michaela Spiegels Oeuvre insgesamt, das von einer bemerkenswerten Souveränität im Gebrauch des Geschlechtlichen und von einer bemerkenswerten Solidarität mit der Sache der Frau geprägt ist (was sie in ihrem soeben im Vice Versa Verlag publizierten „Konversationslexikon“ ihres „Instituts für Heil und Sonderpädagogik“ wieder unter Beweis gestellt hat), war vergeblich. Die Sache zog sich von Anfang 2004, als sie ruchbar wurde, bis 2007 hin. Die Österreicher wollten heroisch meinen Beitrag so erscheinen lassen, wie er gedacht war, und drohten mit Rückzug aus dem Projekt. Die Straßburger wollten ihn auf keinen Fall so erscheinen lassen, aber auch unter keinen Umständen auf das Leib-und-Magen-Land des Prinzips Völlerei verzichten. Am Ende gab es so etwas wie einen Kompromiss, und ein Kompromiss mit der Bürokratie ist, das habe ich dabei gelernt, ist immer ein Kotau. Die Bilder von Michaela Spiegel wurden jedenfalls unscharf gemacht. Wer böse Gedanken hat, kann noch alles erkennen. Wer gute hat, wie zum Beispiel die in Straßburg, sieht nichts. Beigefügt nun eine unzensierte Version. Es ist mir eine Freude. Michaela Spiegel, aus der Serie "Schnitzler & Freud"

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